Die Rede (zu Beginn eines Unwetters)

 

Es freut mich, dass trotz des schönen Wetters so viele Leute hierher gefunden haben.

 

Die Installation, die ich hier aufgebaut habe, kann den einen oder andern etwas befremden, deshalb möchte ich dazu noch etwas sagen:

 

In meiner künstlerischen Arbeit dreht es sich immer um die Suche nach dem Gleichgewicht von Gegensätzen. 

 

In diesem Fall stellte sich mir die Frage, wie viel und welche Art von Schönheit ich einer unschönen Szene entgegensetzen muss, damit sie sich aufhebt? 

 

Daraus sind mehr Fragen entstanden als Antworten.

 

Zum Beispiel, inwieweit sich eine Allgemeingültigkeit ablesen lässt. Oder ob das grad nur meine momentane Empfindung ist?

 

Oder, ob das Unschöne durch den Gegensatz noch wüster wird?

 

Das Material, das ich mir als Objekt ausgesucht habe, fand ich vor mehr als dreissig Jahren in einem Containerraum in dem Hochhaus, in dem ich wohnte. Hier in diesem Quartier, weshalb das Cabane B für dieses Projekt wie geschaffen ist.

 

Ich wusste, um welche Kinder es sich handelte, die auf diesen Filmen abgebildet waren, aber ich hatte nicht den Mut, es jemandem zu erzählen, weil es nicht für mich bestimmt war, und ich mich irgendwie unwohl fühlte, vor allem, wenn ich den unfreiwilligen Protagonisten im Lift begegnete.

 

Von aussen sehen sie alle ähnlich aus, die Hochhäuser, das eckige; sich wiederholende Formen, Farben, Geräusche und Gerüche, typisch für grosse Betonkomplexe wegen deren Eigenschaft und Resonanz.

 

Manchmal kennt man eine Geschichte aus seinem Inneren. Vielleicht wohnt man selbst in so einem Gebäude und weiss einiges. Oder man wohnt mitten drin in so einem kleinen Einfamilienhaus und schaut  erhobenen Hauptes  in die Höhe der neuen Hochhäuser, und denkt, wie kann man da nur wohnen. Ein Hochhaus ist wie ein Dorf, der Bach ist der Lift...

 

Die Waschküche ist ein Treffpunkt, auch die Lifthallen und die Liftkabinen oder die Eingangshalle mit Ihren Briefkästen.

 

Es gibt Leute, die man nur vom Sehen her kennt, bei denen man sich fragt, wer dahinter steckt. Man vermutet, dichtet, und oft ist`s falsch. Gerüchte gehen manchmal unheimliche Wege. 

 

Und dann, selten hört man das Martinshorn, die Sanität: Etwas ist passiert:

 

Jemand  ist krank, ein Unfall von jemandem, den man manchmal im Lift gesehen hat.

 

Geblieben ist mir der Tod eines kleinen Mädchens, das von einer fallenden Teppichrolle erschlagen wurde. Ob jene Filzteppich-Rolle tatsächlich verlegt wurde, weiss ich nicht.

Manchmal spürt man die Einsamkeit der Menschen, wenn man mit ihnen gemeinsam eine handvoll Sekunden im Lift verbringt, bis sich die Tür wieder öffnet. Dazu braucht man nicht einmal unbedingt Augenkontakt. Alle zwei bis drei Stockwerke befindet sich eine Lifthalle, in der vielleicht Kinder spielen, oder Nachbarn schwatzen. 

 

In Hochhäusern ist man so nah beieinander, dass Schweigen ein ungeschriebenes Gesetz ist. Die Leute sind in der Regel unheimlich freundlich.

 

So kann es passieren, dass Menschen unbemerkt zugrunde gehen, in aller Freundlichkeit.

 

Man kann Dinge hören, die nicht gehört sein sollen, und unfreiwillig Zeuge einer privaten Sache werden.

 

Grossen Eindruck haben mir die Aufzüge gemacht. Ich erinnere mich an das aufschwellende, hohe Surren der Maschinen weit über mir, wenn der Aufzug losfuhr und das höher, bedrohlicher werdende Geräusch, wenn die Fahrt in die Höhe ging. - Während sich das Surren bei der Abwärtsfahrt tiefer, sanfter anhörte und einen irgendwie beruhigte.

 

Als die Hälfte des Hauses noch im Rohbau war und der einzige schon funktionierende Lift von einem fröhlichen Liftboy bedient wurde, nahm eine meiner ersten Liftfahrten einen ungewöhnlichen Lauf.

 

Die Liftfahrt, die im 9.Stock begann und ins Erdgeschoss führen sollte, wurde mittendrin unterbrochen von einer Frau, die in den Keller wollte. Ich wartete auf das Abflauen des Geräusches, mein Blick lag gebannt auf der Anzeigetafel, wo die passierenden Stockwerkszahlen aufleuchteten, und beim leuchtenden E stehen bleiben sollten, aber schnell vom U abgelöst wurde.

 

Die Tür öffnete sich, die Frau stieg aus: Ich hätte die eine Etage gut hochlaufen können, denn der Lift mochte das Erdgeschoss nicht. Statt dessen habe ich der Frau nachgesehen, bis mein Blick von der schliessenden Tür abgeschnitten wurde.

 

So wurde der Lift von den Motoren in die Höhe gezogen, die Anzeige erlosch. Nur der stumme Befehl auf der Bedientafel leuchtete das mahnende E.

Das Geräusch der Motoren wurde immer höher, scheinbar schneller. Der Liftboy versuchte dem Lift durch drücken der Tasten neue Befehle zu erteilen, was dieser ignorierte. Dann kam das Warten und das angespannte Hören der Motoren, bis es knallte.

Und da habe ich gesehen, wie der Liftboy die Tür von Hand öffnete und wir kletterten aus dem Lift über einen dunklen Spalt auf den Stockwerksboden, der etwas unterhalb war.

 

Einige Jahre später machte es uns Spass, vor dem Eintreffen der Bundesbeamtenhochhauseinwohner, welche alle mit dem gleichen Vorortszug in Bern-Bümpliz-Nord einfuhren und in einer Traube auf die Lifte losstürmten, alle Lifte irgendwo zwischen den Stockwerken zum Halt zu bringen und den durch die Betonmauern dringenden Tritten aus dem Treppenhaus zu lauschen, welche zu Dutzenden die einzige Treppe hochstiegen. 

 

Das Blockieren des Lifts funktionierte in allen drei Hochhäusern. Man musste nur im richtigen Moment die Vollbremsung auslösen. Dann musste man die Innentür öffnen, um den Lift vollends zu blockieren.

Das war also der Ort, mitten drin im Dorf, wo die Geräusche aus der Ferne kamen. Man Menschen hörte hinter Mauern. Und seltsame Dinge sehen konnte.