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Was für ein Tag: 

Erst brennt er wie Feuer,

dann klingt er wie Glocken 

 

DAS FEST

 Als ich mit K. am Rande des Karnevalsumzugs stand, der wie ein aufgeregter Fluss durch einen Kölner Vorort zog und verzweifelt nach einem Durchgang suchte, um die Strassenseite zu wechseln, wusste ich nicht, dass das Ende auf mich zurollte wie eine Woge in Gestalt eines Prunkwagens, auf dem der Höllenhund Kerberos die Unterwelt bewachte mit denen des Todes folgenden Leuten, die mit ihren dunklen Kostümen und stahllosen Sensen den Strassenrand nach möglichen Opfer absuchten, das in Marschformation langsam, aber stetig auf uns zukam.

 

Wie ein glühender Lavastrom ziehen die Züge vorbei; in Schüben, von links nach rechts, rollend oder schreitend, mit bunt verschmierten Gesichtern, leicht geöffneten Mündern und hin und wieder den Kinn bewegend und groteske Laute von sich schmeissend wie glucksende Enten. Trommler, mit farbigen Perücken und bunten Wimpelkleidern, „Ahoi“ in die Gegend brüllend, als möchte jeder ein Schiff sein. 

 

Da ist kein passieren, alle versperren sie den Weg auf die andere Strassenseite.

 

K. müsste wissen, wie wir in die Notfallstation kommen, schliesslich ist sie hier zur Schule gegangen, nur sicher bin ich mir nicht. Sie ist sehr aufgeregt. Ich muss sie beruhigen, damit sie mich nicht ansteckt mit ihrem panischen Getue, das mir weh tut in meiner Brust und mich zwingt, innezuhalten, bis sich alles wieder gelegt hat. Das Atmen geht schwer, ein Lungenflügel ist etwas zusammengefallen. Das ist mir zwar schon mal passiert, nur dass es diesmal anders ist.

 

Schnell rollen die geschmückten Wagen des Faschings vorbei, aufbrausend wie wütende Wogen, mit anschwellendem Getöse lärmende Botschaften an die spalierstehenden Zuschauer schmeissend, bis sie ohrenbetäubend nah an uns vorüberziehen, dann zusammenkrachen und verblassen, während in der folgenden Gasse wie Möwen schreiende Kinder umher hüpfen, bis eine neue Woge über den Asphalt fährt und sie überwältigt.

Röhrende Traktoren, die Wagen ziehen, mit tanzenden Leuten drauf, grölend und lachend die Welt verhöhnend, Konfetti in die Menge schmeissend und immer wieder dieses aufheulende „Ahoi“, durch die Luft schnellend, geschossen wie aus einem Nebelhorn. Dazwischen geistern Gasmasken mit trunkenen Pfeifenklängen, schwanken hochgehobene Biergläser, „ahoi“ brüllende, immer wieder „ahoi“ brüllende, aus viereckigen Mündern brüllende, „ahoi“ - wieso ahoi?“ 

Es lässt sich nicht wiedergeben, lustig ist alles, jemand spricht`s vor und andere schreien`s nach, hinter blendend goldenen Kimonos, zusammengenäht aus Rettungsfolien und begleitet mit Trötenklängen, in Wellen schaukelnd, schreitend, und immer weiter treibend. Es geht alles wie von selbst.

 

Die Anreise

Nicht so die Reise gestern Nachmittag: Erst hatten wir uns am Bahnhof nicht gefunden, warteten dann beide an der entgegengesetzten Stelle des Bahnsteigs und reisten schliesslich in getrennten Wagen, bloss wegen eines Schlucks billigen Wodkas, den K. während des Begrüssungskusses an mir gerochen und dazu bewogen hatte, samt ihrer Lektüre in einen anderen Wagen umzuziehen – so hatte sie wenigstens einen Grund dazu.

 

So sass ich dann alleine auf dem Doppelsitz, rutschte hinüber auf den Fensterplatz, aus dem noch ihre Wärme strahlte und glitt mit meinem Blick über die ebene Landschaft, die in hastigen Wellen, doch ruhig und bestimmt an mir vorüberzog. Es war mir recht, alleine zu sein, so konnte ich alles nochmals überdenken, als würde ich seit langem nichts anderes tun, als die Situation immer wieder neu zu denken, das Gewesene, das Kommende, das Gewünschte dazwischen, immer wieder, während dem ich den Abreisetermin hab` kommen sehen, ohne die geringste Anstrengung zu unternehmen, etwas dagegen zu tun, ihn vergessen zu machen, zu verschlafen, beispielsweise, oder in Selbstmitleid zu ertränken. 

Und dann war er da, der verdrängte Termin, die Reise ging los, unwiderruflich, als hätten mich fremde Hände gepackt und fortgerissen.

 

Ich war müde und schloss die Augen. Das Gleissen der Schienen verdrängte die Landschaft. Sie jagten unter mir hinweg und liessen die Stahlräder beim Springen über die Schweissnähte der Gleise auf meinen Körper schlagen, mitten ins Herz, das schwer in der Tiefe pochte. Die Angst - mein zuverlässiger Begleiter – verharrte als eine Mischung von schwerer Müdigkeit und dem Drang, alles los zu lassen, was dem Körper irgendwie Ballast sein könnte, den Urin, den Stuhlgang, das der Fortpflanzung angehörige, das mich wach hält und eine Zufluchtsstätte für meine ganze Angst geworden war. 

Ich fühlte, wie sie bleiern über das Polster des Fensterplatzes kroch, dessen Wärme die meine geworden war, und meine Brust füllte, als wäre sie der Rammbock am Ende der Schienen jenes Sackbahnhofs, wo die Fahrt enden sollte.

Wir waren auf dem Weg zu K.`s Eltern, und es war das erste Mal, dass wir diesen Weg gingen. Viel hatte sie mir nicht über ihre Eltern erzählt, glaube ich; vermutlich würde sie jetzt sagen, dass das nicht stimmte, dass ich ihr wieder einmal nicht richtig zugehört hätte. „Oh, doch“, würde ich sagen und heimlich ein vages Bild dieser Eltern zeichnen, nicht ohne an das Grauen zu denken. 

 

Diesmal hatte es nicht geklappt, mich dem sonst so geliebten Gedankenspiel hinzugeben, um aus Schilderungen eine unbekannte Person zu ersinnen und mich ein bisschen wie Gott zu fühlen, sie zu formen mit Antlitz und Stimme, während dem ich auf den grossen Moment des Rätsels Auflösung eifere (giere). 

 

Schiff ahoi

Hellbraun lackierte Schweinemasken mit taumelnden Ohren, die für Schweine viel zu gross sind, lugen wie Hörner aus den Schädel heraus, stolzieren an uns vorbei und lassen an ihren starren Masken Kostüme baumeln. Kostüme wie Schutzanzüge mit grellen, orange getönten Farben und dunklem Gurt.

 

Da senkt der eine vor mir sein Haupt - ausgerechnet vor mir, bremst seinen Schritt - wieso vor mir? Kommt mit seinen beiden schwarzen Löchern auf die Höhe meiner Augen, als wäre ich ein Kameramann, erschlägt mich fast mit seinen fleischlosen Ohren, die ungelenk an der Maske hängen und bohrt seine Finger in die Nüstern, dreht sie hin und her…nein, nein, es tut nicht weh, keine Angst - unter seinem fluoreszierenden Ärmel lugt noch ein grauer Anzug hervor.

 

Jemand winkt aus dem Ellbogen heraus; immer wieder wackelnde Zähne in zuckenden Köpfen, hüpfenden Marionetten. Jemand tut gegen mir ein Bonbon zielen, dann werfen. Auf seinem Rücken mit weissem Kittel hängt eine Spritze, die nicht spritzen kann, viel zu riesengross; „Hoi“ und „danke schön“ gellt`s neben mir, wirft der vergnügte Herr neben mir zurück ein „hooiii“ neben mir zurückgeworfen und immer wieder Gewinke - wir lieben uns - dann Trommeln: „tamm-tamm-tamm-tatata“, während das letzte tatata in einem hohen Ton zerschellt, wie der Abklang einer Sirene, sich wiederholend, immer leiser werdend und zerfallend, bis endlich eine Pause kommt - weiter geht’s.

 

Der Mund

Es war stickig heiss geworden im Zug, obschon es erst Frühling war. In Köln sind wir dann umgestiegen und später in einem kleinen Vorort in eine seltsame Strasse eingebogen; eine Strasse, die zwei grössere zu verbinden schien und doch eine Sackgasse war, weil eine Bahntrasse den Weg zerschnitt, auf der die späte Sonne gerade dabei war, das Fahrleitwerk mit dem Dunst zu verschmelzen. 

 

Auf der Höhe eines niedrigen Reihenhauses sind wir dann eingebogen, durch ein bedrohlich leise hauchendes, an seinen Scharnieren gut geschmiertes, schmiedeeisernes Tor gegangen, dann über präzis in Reihen gelegte Pflastersteine und vor einer mit braunen Butzenfenster befleckten Tür stehen geblieben.

Ich kann mich nicht erinnern, ob K. erst geklingelt, oder selber die Tür mit einem Schlüssel geöffnet hatte, oder sie von innen geöffnet wurde, nachdem sich hinter den milchig bunten Gläsern ein dunkelgrauer Schatten aufgebaut hatte. 

Die Tür war schlagartig offen, und ohne Bedenkzeit wurde ich vor ihrer Mutters Gestalt gestellt, die als ausgeschälte Silhouette vor dem grellen, der tiefen Abendsonne seren gestimmt, verklärten Küche stand.

Ich erstarrte und konnte nicht in ihre Augen sehen, die im Dunkeln des Gegenlichts harrten. Stattdessen wurde mein Blick direkt in ihren Mund geführt, der mich zu verschlingen suchte, unfähig, zu erkennen, was er mir zu sagen gedachte, zu offenbaren, was ich suchte, nicht ihr Wesen, nicht Ihr Antlitz, das aus ihrem Munde zu fliehen schien, wie leises, unscheinbares Kotzen.

 

Das war also die Überraschung - des Rätsels Auflösung, sozusagen: Das Blitzen des Mundes, umsäumt mit Falten, die in alle Richtungen strahlten. Die Augen hatten da nichts mehr zu sagen gehabt, waren sie, braun, blau oder grün? Ich weiss es nicht. Alles schien aus ihrem Munde zu kommen und die Falten tänzelten sprachlos beim Sprechen umher, wie Gardinen, die unermüdlich auf und zu gezogen wurden, mal sanft, mal grob, bis sie innehielten, um des weiteren zu harren, wachsam, lauernd. 

Sog

Ein dunkelblaues, spiegelblank poliertes Cabriolet gluckert daher wie ein alter, verschrobener Kahn. Ein grosser, schwerer Mann mit blauer Kutte steht bedrohlich schwankend auf der hinteren Sitzreihe und krallt die fleischigen Finger seiner Rechten in das Polster des Sitzes davor, indes die andere einen Stab umklammert, einen Stab, der aussieht wie ein Zepter, den er in die Höhe hält wie ein Spott auf das Olympische Feuer auf Wanderschaft. Etwas samt schimmerndes, rotes, feuergrün Verwobenes baumelt aus seinem oberen Ende, ich muss an Weihnachten denken, an ein längst vergangenes Weihnachten, des funkelnden Grüns wegen, das mich als kleinen Jungen schon mal verzückte, und der Bändel wegen, aus denen Schellen lugten. 

 

Er schwenkt ihn hin und her, dass die Schellen fast nicht klingen, erdrückt vom Lärmen der Wagen. 

Der Mann räkelt sich in seinem königsblauen Kittel, worin sein heisser Körper verklebt ist, sich wieder löst und wieder hängen bleibt. Ich kann die Säure seiner Achsel riechen, die aus einem gähnenden, schwarzen Loch nach mir greift wie Medusas Schlangen. In stummer Gestik gebietet er mir, meinen Kopf in die Achselhöhle zu legen. 

Auf seinem Haupt thront ein wabbelndes, aus Zeitungspapier gefaltetes Schiffchen mit Segel, und neben ihm, zwischen Sitz und Vorderlehne klemmt ein grosser, gerahmter Spiegel in einem Meer von blauen Luftballons, die selber nicht fliegen können.

Der Mann beugt sich nach vorne, als möchte er auf dem Vordersitz einen Purzelbaum machen, ich kann nur noch das Blau seines Kittels sehen, während es vorüberfährt, und eine Baseballmütze, jene des Fahrers mit dem Lenkrad in der rechten Hand. 

Etwas stimmt nicht, kann nicht stimmen, ist nicht richtig. Mir scheint, als würden sie rückwärts fahren.

 

 

Melancholie

 

Haben sich Mutter und Tochter zur Begrüssung umarmt, geküsst? Ich weiss es nicht mehr. Wir wurden dann mit unserem Gepäck wenige Schritte ins Innere des Hauses zu einer glänzenden Treppe aus geschliffenem Kalkstein geführt. K. stieg mit ihren polierten Schnürschuhen aus braunem Leder und harten Sohlen paukend vorne weg in die Höhe. Meine Hände glitten instinktiv dem Handlauf entlang und angelten mit festen Griffen den schwerfälligen Körper nach oben, dass die geschwärzten Metallstäbe des Geländers unruhig gierten und mit kürzer werdendem Hall der Tritte sein nahes Ende verrieten. Eine Treppe noch, dann wurde eine Tür aufgeschlossen und eine kleine, blank geputzte Wohnung öffnete sich uns, als würden wir ein Raumschiff besteigen. 

Sie schien lange auf die Rückkehr der verlorenen Tochter gewartet zu haben, vermutlich wurde sie zwischenzeitlich nur für Stunden oder Tage benutzt, für was auch immer. Es schien, als wurde in ihr viel gereinigt als gelebt. Der Glanz des Holzbodens, der Möbel, der Spiegel und Fenster verstrahlte etwas unheimliches - Verlorene Zeit und Melancholie entströmte dem Mobiliar. 

 

Da würden wir also die Nacht verbringen, dachte ich mir, während wir unser Gepäck hinstellten und wieder die Treppe hinunter in die Wohnung der Eltern gingen.

 

K. bestimmte, dass ich das Abendessen zuzubereiten hatte, um meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, ich würde gut kochen, wir würden bald essen und so wurde ich instruiert, wo die Ingredienzen sind.

 

Und so bin ich mitten in dieser blitzblank gesäuberten Küche gestanden mit ihren Einbauschränken und dem Neonlicht an seiner Unterseite, das einen verschwommenen Streifen auf das halbdunkelbraune Laminat der Arbeitsplatte geworfen hatte, mich mit seinen Ingredienzen, dem Rüstbrett und dem Küchenwerkzeug mit seinem metallischen Funkeln anbrüllte und befehligte, es bitte gleich zu benutzen und zu tun, was ich nicht weiss, zu wissen, was ich vergessen hatte, mich daran zu erinnern und es zu tun: Nämlich etwas zuzubereiten, das man essen kann. 

Aber die Arbeitsplatte drückte eine Linie in meinen Unterleib, dass ich die Genitalien spürte und die beleuchtete Fläche mich anstarrte wie eine Sandwüste und ein Messer mich zwang, mit ihm zu schneiden und etwas zu tun, einen ersten Schritt, ohne zu wissen wie der Zweite ist, jener, der den ersten zu korrigieren hatte, weil der zweite nicht zum ersten passte, abzuwägen und zu retten, was zu retten ist. 

 

Später werden wir gegessen haben müssen, nachdem K.`s Vater mit aufgedunsener Nase aus dem Keller gestiegen sein musste, wo er seine Zeit vertrieb, ein Waffenarsenal haben soll - einen Folterkeller vielleicht, ich weiss es nicht. Ich hatte mit all dem nichts zu tun. 

Blockade

 

Das dunkelblaue Kabriolett mit den blauen Luftballons zieht eine neongrüne Wolke hinter sich her und vernebelt die nachfolgenden Trommler, die trunken zu wippen beginnen und unverständliche Laute von sich geben. Laute, die klingen wie „oi“, und „oh“, wie Kuhglockengeläut.

 

Alles voller Hasenohren: Rosarot und plump über den eigenen Köpfen im Strudel des trunkenen Windes wiegend. Eine ganze Kirche aus leuchtendem Styropor wird an uns vorbei geschoben.

 

Und dann kommen nochmals Trommler, angeführt von einem Major, mit hochgezogenen Kinnladen und zusammengepressten Lippen, den Blick über meinem Kopf, auf die Dächer der Häuser gerichtet, als wäre da der Heeresführer persönlich und seine rechte Hand reisst ruckartig einen blank polierten Spielstab mit seinem kugeligen Ende hoch und runter, die Trommler in Linien an mir vorbei, wischend, immer wieder - schreitend wie verlorene Seelen, wild auf die Felle hämmernd, verstohlen und heimlich der Kirche hinterher. 

 

Was für ein Aufzug: Grünblaue Röcke mit ausladenden, grasgrün seidenen Lendentüchern, die dem stechenden Schritt der Männer den Gehorsam verweigern, vom Winde verweht, die Beine herum.

 

Steinerne Masken mit metallisch glänzendem Teint und verfetteten Haarbüscheln, aus turban-artig gebundenen Kopftüchern lugend. Lachfalten, aus allen Mundwinkeln fliehend, auf die Ohren zu bis hinter das Ohrläppchengeschwülst, als stünden sie im Sturm des Windes, wie Wesen, die in Wellen hoch und Auswürfe durcheinander posaunen, aus all den Mündern, die sich anhören wie „Oh“, Ahoi, wie „Land Ahoi“, wie Liebe, Gott, Geborgenheit und Schlaf.

 

Die Kompanie löst sich langsam auf, unbemerkt, wie Reihe um Reihe vorüberzieht, die Ordnung verlierend, durcheinander tapsend, deren Glieder aus Männern, umher kreisend um sich und einander herum, taumelnd der Kompanie hinterher, wissend, dass sie als Teil dessen und schlaftrunken den davor Gehenden folgen sollen. Die kleinen Marschtrommeln, kraftlos in ihren Gurten hängend, die Holzschläger, wie zufällig auf die Trommelfelle fallend, die, manchmal hart, das Fell verfehlend, auf den Rändern der Trommel landen. 

Das Getrommel zerstiebt wie Wasser in der Brandung, deren tosenden Gischt eine liebliche Melodie entschlüpft, die mit ihren Obertönen als Wasserspritzer ein Lied von Hoffnung erklingen lässt, bevor das Getrommel zügig verebbt, bis nur noch einzelne, hilflose Trommelschläge aufbegehren und Nachzügler taumelnd den Anschuss suchen.

 

Gleich dahinter kommt, schon fast im Trab und stechenden Schrittes, eine andere Kompanie daher geschossen - aber wo ist denn der Major? Er muss sich irgendwo unter die Trommelschläger gemischt haben, die, in sich gekehrt, der Welt entrückt, vor sich her gehen, in unheimlicher Präzision auf die Trommeln mit ihren Schnarrsaiten schlagend – als wärs ein Himmelfahrtskommando.

 

Die vielen, hoch klingenden, kleinen Trommeln mit dem blechernen Klang verfliessen zu einem Teppich aus Klängen, die sich anhören wie die aus dem Tosen gefilterten Schaumkronen der Wellen in einem weiten, stürmischen Meer. 

 

Alles geht sehr schnell. 

 

Dann kommen wieder Wagen, als wäre nichts gewesen. Wagen, was für Wagen! Was haben denn die Wagen geladen? Ist das ein Karneval?

Alles voller Könige, mehr Könige als Untertanen, Tücher, woraus Gesichter mit schäumenden Eisbären- Münder lugen, oder umgekehrt. Ein Paukenschlag tut weh, ist gleich vorbei. Ein Poncho mit einem Strohhut, ein kleiner Junge liegt auf dem Asphalt: „Komm, mein Junge, steh auf, du schaffst das schon“ will jemand rufen. Fernab heult eine Sirene, um die Nase schlenkert der Geruch von jungem Urin und uralt, urbanisiert, metallischem Gestein. 

 

Flucht

Wie das Essen geschmeckt hatte, weiss ich nicht mehr. Es muss etwas währschaftes gewesen sein. Vermutlich hatte ich es zum ersten mal gekocht. Ich muss an Würste denken, weil ich die nicht mag.

Wir müssen über etwas geredet haben. Aber ich kann mich nicht entsinnen, was das war. Ich muss mit den Gedanken woanders gewesen sein.

Danach müssten wir in den oberen Stock gegangen sein, K. und ich. Der Vater müsste im Dunkeln des Kellers verschwunden sein, die Mutter woanders und irgendwann müssten wir angefangen haben, uns auszuziehen und ins Bett zu gehen und irgendwann muss mein Kopf in der Tiefe des Kissens verschwunden sein. 

So ähnlich muss es gewesen sein. Vermutlich ist noch etwas Unwichtiges passiert. Sehr wahrscheinlich hatte es Streit gegeben. Vielleicht hatte ich die Zähne geputzt, möglicherweise nicht. Ich kann mich nicht mehr erinnern. 

Wir müssten über etwas geredet haben. Aber ich hatte nicht zugehört, denn sonst könnte ich mich erinnern.

Wir müssen ins Bett gegangen sein. Vielleicht habe ich mich auf die andere Seite gedreht. 

 

Müde hatte ich die Augen geschlossen. Das ist sicher und ging wie von selbst. Ich hatte sie zusammengedrückt, dass sich die Augäpfel anfühlten wie geschälte Litschis. Das weiss ich noch, weil ich das bewusst tat, als könnte ich das Einschlafen befehligen, das mir Erlösung versprach und die Sinnesorgane verschliessen und schützen sollten, vor weiteren Streitereien und Sorgen. 

 

So versuchte ich den kleinen Tod des Schlafes zu sterben, als gäbe es nichts schöneres: Den eigenen Träumen zu verfallen, fernab des irdischen Seins, in der Tiefe des Geistes, wo die bösen Träume irgendwann ihre Wirkung verlieren, weil sie sich längst in den Tag verlagerten, um nachts der Glückseligkeit zu weichen. 

Gefangen        

Dann kommen Glockenträger. Sind sie maskiert? Ich kann es nicht sehen, die Gesichter wie gelähmt: ausdruckslos, ungeschminkt, oder doch geschminkt?

Wie im Halbschlaf geistern sie dahin und von dannen, hinkenden Schrittes, mit schweren Glocken an breiten Gurten, an Schultern hängend, beflügelt mit dem Hauch des Todes - liegt`s am Geruch, dem fahlen Licht des bedeckten Himmels?

 

Mit jedem Schritt schlagen die Glocken mit ihrem Klöppel auf die Schenkel über dem Knie und federn zurück. Ihr Klang schluckt fast alles auf. Nur die Trommelschläger, die alle paar Reihen eine eigene bilden, versuchen sie zu beherrschen und treiben sie an - aufbrausend, dass die schwerfälligen Glocken mit immer lauteren Schlägen reagieren, gar zu brüllen versuchen, das tut weh - die lassen sich nicht treiben.

 

Der Umzug ist ins Stocken geraten. Wo ist denn der Junge, der auf dem Asphalt lag? Ich kann ihn nirgends sehen. Alles geht nur noch sehr langsam. Es scheinen nicht die Wagen langsamer rollen, sondern die Zeit, die anders geht. 

 

Plötzlich heult es in die Höhe wie ein melodischer Rülpser, das Ich aus dem Taumel gerissen: „Hei, Heiiii“ und in der Stimmlage gleich wieder hinunter: „Du kannst ja gehen“, aus der Menge geworfen, eines Mundes von der Seite, und dann, als gäbe es ein höhnisches Lied zu beenden, echotet der Gift strahlende Mund von K`s Mutter: “Du kannst ja gehen“ während die aufgequollene, über dem hämischen Grinsen des Gesichts entwachsene Nase ihres Vaters hinterher krächzt mir im Strudel seines alkoholisierten Atems mitten ins Gesicht: „so schlimm kann es ja wohl nicht sein“.

Ich schaue sie keineswegs entgeistert an, verwundert vielleicht, etwas lächelnd sogar. Ich kann es nicht sehen, schaue hinein in ihre Körper, und weiter in die Ferne, aus der sie kommen, da, wohin ich eigentlich gehen will und möchte sie fragen: „Ist es noch weit?  Kann ich das schaffen?“ aber da sind sie schon weg, verschlungen vom Magen der wogenden Menge.

Dann schaukeln gesenkte Köpfe vorbei, mit mitleidig gähnenden Lochkugelaugen wie schwarze Löcher, und immer schauen sie von oben herab, von Wagenbrücken herunter, die Menge verhöhnend und immer scheinen sie grösser zu sein. 

Weisse Haare auf dem Haupt möchten weise sein, lassen die Münder leicht geöffnet, möchten Anmut wecken, Lust sogar. 

 

Hinter ihnen, auf der anderen Seite des Strassenzugs beginnen auf dem Dach eines Rettungswagens zwei blaue Lichtkegel um die eigene Achse zu wirbeln und blitzen mit ihren mahnenden Augen durch die Lücken der Schreitenden hindurch, verscherbeln an den Wänden der Häuser, in denen der Rettungswagen zu klemmen scheint, während (dem) der Tross stoisch weiterschreitet.

Dunkelheit

Eine geheimnisvolle Stille und der Geruch eines Lösungsmittels für Möbelpolitur durchzog den Raum.

Ich war so müde, dass ich nur noch schlafen wollte, nicht mehr kämpfen mochte. Ich hätte weinen mögen und mich treiben lassen wollen in einem bunt leuchtenden Tränenmeer, in einem Ich-gewordenen Paradies, dem wahr gewordenen Traum nach Todessehnsucht.

Ich wollte es genauer sehen, aber eine fremde Kraft verweigerte mir das Sehen, es war alles so schön; so unwahrscheinlich schön. Aber das stimmte nicht, war es das Rot, das Gelb? Ich schloss die Augen. Nicht, dass ich dabei etwas gesehen hätte, der Druck der Augenlider verschaffte mir dieses süsse Gefühl. Die Angst verschwand in der Dunkelheit und bunt glitzernde Tautropfen reflektierten das Sonnenlicht.

Strohhalm

Auf einmal peitscht ein hoher Knall in die Strasse hinein, zerfetzt wie Geblitze an den Fassaden der Häuser, während ein vierspänniger, goldig strahlender Streitwagen von schwarzen Rossen daher geschossen kommt, und sich die beiden Zugtiere erschreckt aufbäumen, an den Trossen reissen, und ein auf dem Wagen stehender mit violettem Netz verschleierter Mann die Zügel fahren lässt und um sein Gleichgewicht kämpft, während das unheimliche Gefährt auf den Jungen mit dem Poncho jagt, der da auf dem Boden liegt, derweil der Knall tief in die Häuserschluchten jagt und zwischen dem Gemäuer hin und her taumelt, jeden Traum zerpflückend, der im Wege steht und in immer kleinere Teile zerfällt und sich im Putz der Hausfassaden verheddert, bis er zu einem Klangbrei verschmilzt und im Asphalt der Strassen verschwindet.

 

Da kommt ein Schwan daher getänzelt als wäre nichts passiert, sein Kopf ist unbeholfen in ein ein königblaues Tuch gewickelt, schwingt wie ein Engel seine goldigen Flügel hoch und runter - viel zu wild für einen Schwan. 

 

Ich öffne meinen Mund, um etwas zu sagen, erst kommt kein Ton und stammle dann viel zu leise:  „Halllo“, aber das kann niemand hören, „halllooh! Kannst Du mich hinübersetzen? Kannst Du meinen Körper rüberbringen?“. Aber - wer soll das verstehen, ich strecke noch meine Hand ihm entgegen. Nur sein goldig leuchtendes Tuch streichelt mir tröstend über die Finger, bleibt einen Moment am Daumen hängen, als will er mir sagen: „Schon gut, mein Junge, du schaffst das schon“; doch der Schwan mit dem viel zu kleinen Mund blickt wieder in die Ferne, der sich mir nie zugewandt hatte, zieht über mich hinweg, blendend, hoch und erhaben, während dunkle Plisseefalten über seinen Rücken fallen und frech zu seinen Schritten tänzeln.

Ausbruch

An der Schläfe zuckte das Herz im Kissen. Es war sehr still. 

K. lag neben mir im Bett. Ihr Atem war nicht zu hören. Nur ihr Denken wollte nicht schweigen und das Schaumstoffkissen knirschte verhalten, wenn der Kopf sich regte. 

Ob sie mich wieder wecken wird, wie kürzlich, als sie mich zur Rede stellte und mir meinen Traum stahl? Ob sie mich wieder anklagen wird? Gab es nicht der Gründe genug? Ich hatte vieles falsch gemacht. 

Der Kopf lag ruhig auf dem Kissen, wollte keinen Anstoss wecken. Durch die Augenlieder sickerte oranges Licht und die Müdigkeit liess sie zusammenpressen und das Orange verdunkeln.

Dann war es plötzlich weg, mit einem Klick, das Licht gelöscht, ein kurzes Nachleuchten noch, bevor es schwärzte und die Lichter aus dem Innern des Körpers die Herrschaft übernahmen. Aus dem Kissen vernahm ich, wie das Blut durch den Körper floss.

 

Der Atem ging mühsam hin und her, als würde er durch einen Schwamm in den Bauch gepresst und wieder hinaus gedrückt. Es ermüdete mich dermassen, dass es ein leichtes gewesen wäre, das Atmen anzuhalten, bloss, um etwas auszuruhen, wenn auch nur für einen kleinen Moment. Dabei hatte ich mich schon früher erwischt, für ein paar Züge nur, aus Müdigkeit, den Atem anzuhalten und mich gefragt, ob so der letzte Schlaf herbeizulocken wäre.

 

Der Atem floss hin und her, bis er ein einziges mal ins Leere floss - einfach so, als hätte ein einziger Atemzug die ganze Melancholie dieses Hauses aufgesogen, als gälte es eine Heldentat zu vollbringen, um endlich Zuneigung zu erheischen, jene, die in der Tiefe meines Herzens leise flennte. Vielleicht hatte es geblubbert; ich spürte keinen Schmerz, etwas Angst vielleicht. Auf jedenfalls hatte ich in das dunkle Nichts des Zimmers, worin ich lag, mit trockener Stimme gesagt, dass ich ins Krankenhaus gehen müsste, gerade so, als würde ich sagen: „Kannst Du mir ein Glas Wasser holen“? derweil ich bewegungslos, beinahe königlich auf dem Rücken lag und auf Antwort wartete. Ich kannte das Gefühl.

 

Wir hatten viel Spaß gehabt zu Neujahr am Meer.

Die Wellen kräuselten sich und versprachen viel Gutes.

Der Wind spielte uns Frische ins Gesicht und zog durch unsere Textilien.

Die Liebe verklärte unsere Gedanken.

Wie die Angst, versickerten die Wellen im Sande,

sich trennend vom Licht

klirrten die Wasser durch den Sand,

der sich vermengte mit der Frische der neuen Wellen;

um das Spiel von vorn zu beginnen.

Das Kräuseln der Wellen verklärte unsere Gedanken,

wir werden sein, wenn wir endlich das Meer erreicht haben. 

Das letzte Aufbäumen

Eine Reihe dunkler Gestalten, mit Kutten bekleidet, deren viel zu grosse Kapuzen über den Ohren die selben wie Spoiler wirken lassen, schleifen mit hektischen Ruckbewegungen eine titanisch grosse Plane über den harten, klebrigen Asphalt in den fahrigen Schatten der Schwingen des Schwanes hinein, wie Kakerlaken, die dem Licht entfliehen. 

 

Die Plane muss sehr schwer sein, denn die Kapuzenleute haben sichtlich Mühe, vorwärts zu kommen — Ruckartig reissen sie an der Plane, dass es lärmt wie in einem Betonmischer.

 

Im Dunkel des Schattens erkenne ich zwei glänzende Körper, die sich im Geblitze des wirbelnden Blaulichts auf der Plane winden wie zäher Teig im Trog einer Knetmaschine, während glitzernder Sand um sie flirrt.

Auf beiden Seiten gehen stechenden Schrittes mehrere Träger mit brennenden Fackeln, begleitet von Schwärmen aus leuchtenden Mücken, die zu tausenden über ihren Köpfen in Schlieren auf und ab schwirren. 

 

Die Liebenden bewegen sich anmutig hin und her wie trabende Rosse.

Ich kann sie hören, mit ihrem Stöhnen und der heissen, Motorenöl getränkten Luft.

 

Wie gefangene Sirenen sirren die Geräusche auf der Plane umher und versinken unter der folgenden Woge, die sich lärmend über K. und mich wirft, noch bevor ich begreife, was passiert.

Halbschlaf 

Dann war das Orange in den Augenliedern wieder da. Ich öffnete die Augen, drehte mich zur Seite und sah in K`s stahlblaue, vorwurfsvoll von der Seite starrende Augen. 

 

Sie richtete sich auf und sass da wie eine Taufkerze im Bett, warf die Decke zur Seite, stürzte panisch aus dem Zimmer und stand kurze Zeit später mit ihrer Mutter unter der Tür, die sagte, dass das jetzt nicht ginge, dass es sehr spät sei und man ja gar nichts sehen könne.

 

So sah ich sie da stehen, wie ein wartendes Pärchen an einer Station für interstellare Busse, brachte kein Wort über die Lippen und starrte in den Mund der Mutter mit ihrem schwarzen Loch und den in alle Richtungen

fliehenden Strahlen und harrte gebannt mit meinem Blick in ihrem Rachen, wo etwas war, ich konnte es nicht sehen, nicht die Mandeln, nicht die Zunge!

 

Und dann hatte ich angefangen, sie zu beruhigen: Ich könne ja auch morgens gehen, sie bräuchten sich keine Sorgen zu machen. Darauf drehte sich die Mutter wortlos im Rahmen der Tür und verschwand ohne meine Stimme zu hören, die sagte, wie von selbst, an K. gerichtet: „Du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen, leg auch du dich ruhig wieder hin“. 

 

Vermutlich hatte sie noch etwas gesagt. Oder auch nicht. Es ist sehr still geworden. Ich lag auf dem Kissen und achtete auf die Stille, die sich ausserhalb meines Körpers in der Weite verlor und liess die Müdigkeit mich decken, als hätte das schlafende Ich sich geteilt: 

Während das eine, etwas wachere mich sorgsam bewachte, schien das andere mich zu quälen und ins Dunkle meines Körpers zu zerren, worin es gurgelnd als Blut durch die Adern schoss: durch ein Kanalsystem aus Verzweigungen, Kanten und Tiefen, durch die es stürzte und alles mitriss, was sich ihm in den Weg stellte, durch dunkelste Nacht, ohne das erlösende Licht am Ende des Ganges, worin das „Ich“ sich drängte.

 

Unterwerfung

Zwischen den Zügen tut sich eine Lücke auf. Der Boden ist bedeckt mit Sand, Kot und glänzenden Flecken, von der Plane vermahlen und in langgezogenen Schlieren über den Asphalt geschmiert. Aus der Ferne nähert sich ein neues Gefährt. 

 

Ist es ein Schiff, das leicht wie ein Vogel aus dem Nichts erscheint und dahin schwebt, im Asphalt als Wasser treibt, sich abhebt als stählerner Koloss? Oder doch ein Walfisch, der aus dem brodelnden Asphalt der Strasse bricht und zu einem Ozeanriesen heranwächst - dunkelgrün, lackiert und schwer? 

Seitlich im Bug, nahe am Kiel klaffen zwei Öffnungen wie ungeheuerliche Augen, zur Blindheit gepfählt mit beidseits dornigen Anker, und darüber, bevor der Stahl als Reling den hochnebligen Himmel zerschneidet, verschwinden die Taue in ausgelassenen Öffnungen.

 

Auf der anderen Seite der Strasse rennt plötzlich eine junge Frau los, hat ebenfalls die Lücke entdeckt, klammert sich an die schmalen Hände ihres Jungen und zerrt ihn durch die schmutzige Strasse.

 

Hoch oben über der Reling schneiden sich die Silhouetten zweier Gestalten aus dem Grau des Himmels. Sind das Matrosen, dessen Hände lässig über dem Abgrund baumeln? Ich spüre die gebieterischen Blicke in ihren dunklen Gesichtern. Ein kalter Schauer fährt über meinen Körper und blockiert mein Handeln, während K neben mir in einer anderen Welt verweilt und ich, gespannt wie ein Bogen, noch immer zögere - bis die Lähmung schlagartig bricht, ich fest ihre Hände packe und in die Weite der Strasse losrenne, wie ein schlecht gezielter Pfeil, mitten hinein in eine Wolke aus Eiseskälte.

Der Bug richtet sich auf, scheint alles andere als ein schwebender Vogel zu sein und stürzt sich über uns wie eine brechende, fallende Woge.

 

Geisterbahn

Wolken aus Russ betäubten das grelle Licht am Ende des Adern-Ganges. Wolken mit glühenden, messerscharfen Rändern aus gierigen, glühenden Partikel brannten sich einen Weg durch das Dunkel, bis das Gewölk zischend auseinanderbrach. 

Ich konnte mein Herz hören, wie es leise schlug, das sanfte Atmen des Körpers, das Pulsieren meiner selbst und dieses hohe, wilde, sirrende Etwas über uns.

 

Das ungezähmte Blut jagte durch die Adern, dass die Wolken zerstoben. Und beide „Ichs“: das Meine und das Fremde, sassen wir in einer Gondel mit einem hohen verschnörkelten Kiel und schauten auf jemandes langen Rücken, der vor uns auf der Sitzbank sass, während hinter uns jemand anderes stoisch wie eine in weissen Marmor gehauene Statue stand und mit einem langen Ruder die Gondel lenkte - wir mussten uns kennen und waren uns vertraut, aber woher nur? Ich wusste es nicht.

Die Gondel stürzte auf einem glühenden Fluss in die Tiefe: Durch ein steinernes Treppenhaus, über holprige Stufen katapultiert, um Ecken geworfen.

Ich sass weniger drin, als dass ich über ihr schwebend auf sie sah, während das Fremde im Boot den zischenden Fluten des dampfenden Wassers trotzte. 

Die Treppe mündete in einen See. Das Boot schmolz dahin, als wärs aus Eis und vereinigte sich mit dem Wasser, das in einen achteckigen Brunnen floss, der, gefüllt mit nackten Menschenleiber, vor sich hin dampfte.

 

Mein Körper sank auf die Erde, um sich mit dem anderen Ich zu vereinigen, umkreiste es und sah in ein feindseliges Gesicht, aus dem blanker Hohn quoll. Ich versuchte, es zu töten, schlug mit einer Axt auf seinen Hinterkopf, immer wieder, aber es klappte nicht, es wollte nicht sterben, stattdessen lachte es höhnisch und sagte unverfroren: „Nicht mal das kriegst du hin“ und verkrallte sich in meinen Körper.

Alle waren sie nackt, die sich im Brunnen tummelten: Ein Hin und Her von taumelnden, glänzenden Körpern, sich windend und liebend, zu einer Ekstase wachsend, begleitet von schallendem Gelächter .

Metamorphose

Die Woge fällt, die Reling stiebt und die zerbrochene Welle stürzt als Schaum über den schleimig glänzenden Stahl des Rumpfs.

 

Ein Geruch von Metall und verbranntem Maschinenöl entströmt seinem Maul, einem ungeheuerlichen Bug, der ein Schiff sein will.

Ich suche seine Augen, die irgendwo hinter den beidseitig eingelassenen Anker lauern müssten, suche den Blickkontakt und weiss, dass das ein Fehler ist, ein freudscher nur und ich weiss genau, was kommen wird. Ich weiss, dass es mich erniedrigen und beschämen wird, dass ich seinem Blick nicht standhalten werde, dass ich unausgesprochene Befehle entgegennehmen und mich grämen werde, weil ich schon wieder darauf hereinfallen bin.

Wieso die Woge aufhört zu fallen, auf einmal? Wie sie gebremst wird, als hinge sie an Fallschirmen, in ihrem Fallen gestört, mittendrin, als würde ein starker Wind unter die Schirme blasen, und wieder hoch pusten, mit widerspenstigem Blick, mitunter böse, beleuchtet aus der Tiefe mit teuflischem Licht, das ihr Gesicht in hämischem Grinsen erstarren lässt und sie, die Woge, mit ihrer Armada im Räderwerk der Zeit verfängt und sich der Schiffsrumpf als dunkler Schatten über uns wirft. Da fliegt etwas über die weissschäumende Reling, muss jemand über Bord geworfen haben, dunkle Knäuel, herausgeworfen, wie leblose Puppen.

 

Ein Geruch von abgestandenem Schweiss vermischt mit billigem Parfüm strömt über den Schauplatz. Die fallenden Wesen ziehen auf wie wie das Gewölk eines Gewitters. Mir scheint, als wären sie schon immer in der Luft gewesen.

Plötzlich habe ich viel Zeit bekommen, alles zu sehen, genauer zu sehen, bis der Bug mich vollends aufgeschluckt haben wird.Im Innern des stählernen Bugs rumort ein unheimliches Geräusch, wie das Tuckern eines alten Kahns, der sich gemächlich durch einen Kanal schraubt, mit einem vollen, tiefen Klang, als würde jemand an die Schiffswand klopfen.

Verzückung

Irgendeinmal, in der fortgeschrittenen Nacht, beruhigte sich der Strom und zog bald träge dahin.

Ich sass an seinem Ufer und schaute in zitronengrün illuminiertes, gläsernes Wasser, das still vor sich hin floss und auf seiner spiegelnden Oberfläche ein himmlisches Blau irisieren liess.

Ein zart gefiedertes Blässhuhn schaufelte mit seinen grossen Füssen elegant den leichten, dunklen Körper in unsteten Bahnen durch den flüssigen Kristall und schob sanfte Wellen auf die Seite.

Sein schneeweisser Schnabel schwenkte mit seinem Köpfchen hin und her, sorgsam bedacht, dass seinen neugierigen Augen nur nichts entging.

Zwei junge Fische schwammen synchron nebeneinander durch das formlose Wasser, tänzelten anmutig im Kreis umher wie fisch geword`ne, balzende Pfauen: Gab das eine die Richtung vor, tat das andere ihm folgen, nicht ohne mit einem koketten Schlenker in leisem, unernstem Protest eine Richtungsänderung zu provozieren, in wechselnden Rollen, in androgynem Spiel, dass die hartnäckig folgenden Schatten auf dem Grunde des Wassers mitunter ganz verwirrt um Anschluss haderten.

Eine unbändige Übermut ging durch das Gewässer hindurch, wollte alles Leben in seiner ganzen Pracht noch einmal aufblühen lassen und auffahren, was das Leben gab, das ganze Leben, alles… 

 

Leise murmelte das Wasser vor sich hin, bis die Bilder verblassten und 

aus der Tiefe des Gewässers das festliches Geklimper von Geschirr in mein Bewusstsein drang.

Etwas drückte auf meinen Oberarm, wurde stossweise stärker, etwas wurde aufgepumpt und riss mich aus meinem kleinen Paradies. Etwas war los an meinem Arm, ging los, hielt kurz inne und verpuffte, bis alles wieder ganz ruhig wurde.

Ich lag in einem fremden Bett, war leicht wie ein Nichts. Alles andere war laut. Müde war das Ich und kühl der Raum - nur frieren tat ich nicht.

Der Fall

Da löst sich eine Puppe aus dem Gewölk und hebt sich frech von der Gruppe ab. Ist es ein Mann? Eine Frau? Ich kann es nicht sehen. Sie scheint mehr in die Tiefe zu tauchen als zu fallen, als würde ich ihr  entgegen schweben. Ihre Glieder sind ausgestreckt. Lange Haarsträhnen greifen in alle Richtungen, das Gesicht flackert gespenstisch und die Hände flattern wie Daumenfittiche eines Raubvogels. Seine Augen sind aufgerissen und stechen aus den Augenhöhlen wie die Augäpfel von Tiefseefischen nach dem Fang. Sein Blick aber, ist stur auf den Boden gerichtet, sein Sinken so langsam, wie es grösser wird, kein Ende zu haben scheint. Kein Ende zu haben scheint, so, wie er immer grösser wird. Ich will weg, ich will springen, aber das geht nicht, meine Füsse sind mit dem Boden verhaftet, während der Fallende auf mich zu rast, seinen Schatten über mich wirft und als heisser Atem an meinem Gesicht vorbei wischt, wo sich einen winzig kleinen Moment unsere Blicke treffen und ich in seine Augen sehe, die brennen vor Angst, mit dem ganzen Irrsinn eines Lebens in den Augen, als würde es noch einmal abgespult, wie ein Kassettenband, immer schneller werdend, bis es abrupt endet. Er - mit seinen grossen brennenden Augen, fällt neben uns mit einem lauten, dumpfen Knall auf den Boden. Stille. 

Der Rücken ist leicht nach oben gewölbt, als läge seine Brust auf einem Kissen. 

 

Sein Kopf liegt sanft auf dem schmierigen Asphalt, leicht zur Seite geneigt und seine Augen starren entsetzt in den Boden. Kein Blut, nirgendwo, keine Wunden, nur sein goldglitzerndes Kostüm ist aufgerissen und glänzt unerschrocken des leblosen Körpers, das es bedeckt - Pailletten - deren einzelne noch einmal aufblitzen, als in einem letzten Akt der Körper noch ein kleines bisschen mehr in sich zusammenfällt, so, als hätte seine Seele den Körper eben grad verlassen. Die Arme sind angewinkelt, als hätten sie noch versucht, den Sturz zu mildern. Die eine Handkante liegt sanft auf der Erde und verdeckt zur Hälfte den geöffneten, in seiner Verzerrung erstarrten Mund. 

Was er sieht, scheint ihm nicht zu gefallen. Nein, das ist nicht der Tod eines friedlich entschlafenen, sondern eines überfallenen, seiner Zeit beraubten. 

 

Sein schwarzes, glänzendes Haar ist etwas zerzaust und muss vor kurzem  liebevoll frisiert worden sein. Die Zungenspitze liegt auf dem Zeigefinger der halb geöffneten Hand.

 

So plötzlich. So plötzlich kann man doch nicht sterben, denke ich und so schnell. Das ist doch nicht möglich. So langsam. Ich kann den Mann, ich kann seine Augen sehen, wie sie sahen, dass es nichts mehr zu sehen gibt, nichts mehr zu sehen gibts. Nie mehr was zu sehen gibt. Ich bin erregt, ich bin unwahrscheinlich erregt, wie er das zeigt, aber das liegt nicht einfach so da. Das kann nicht sein.

Karussell

Ich lag als Wolke in den Armen des Himmels, als das Pumpen wieder kam, seine Zeit vertat und wieder ging.

Ferne Glasharfenklänge flirrten durch den Raum, in dem ich lag, wie Botschaften aus einer anderen Welt.

Sie kamen und gingen wie das Funkeln in Perlen aus Glas und ich verschwand wieder in meinem Traum und schaute auf ein glitzerndes Karussell, das gemächlich vor sich hindrehte.

Am Rande seiner runden Plattform stand ein graulockiger Mann mit einem geflochtenen Hut aus Stroh und stachelte mit einem Stock wie ein Gondolieri das Karussell im Kreis herum.

Dabei gab es jedes Mal einen sanften Ruck, wenn er den Stock in den zertrampelten Rasen stach und die Plattform anstiess, sodann herauszog um ihn weiter vorne wieder in den Boden zu drücken, während er langsam hinter den Karussell-Figuren verschwand, die mit der Bühne um die eigene Achse drehten, einer Stange, an der ein Musiker auf einem Taburette sass und auf einer Handharmonika fröhliche Lieder spielte, bis der Gondolieri wieder auftauchte, und stoisch - wie der Fährmann Charon sein Totenschiff - die Plattform vorwärts trieb.

Überall funkelten Lichter: An den Gestängen, auf welchen das Zeltdach befestigt war, an den Streben, welche von der Achse zu den Wimpeln führten und um das Dach herum, an denen die bunten Wimpel hingen, welche im Zugwind vor sich hin tänzelten.

 

Auf dem Karussell waren glänzende Rosse befestigt, worauf Kinder sassen mit wehenden Haaren und fliehenden Händen, die im Fahrtwind schrieen wie Möwen.

Dazu gesellten sich Tröten, die aus Kindermünder lugten, und: „schaut mal her“ trompeteten. Pferde und Schweine mit verschnörkelten Schwänzchen und Sättel, Esel und Enten, ein Feuerwehrwagen mit einer viel zu kurzen Leiter und Kutschen aus einer anderen Zeit, und alle waren mit den Planken verschraubt, konnten nichts tun, mussten sich der Geschicklichkeit des Gondolieri fügen, hatten einen festen Platz und immer das gleiche Gefährt vor und hinter sich. Und jedes mal, wenn sie wieder auftauchten, immer wieder, schienen sie nicht mehr die selben zu sein. 

 

Die Tröten wurden bald von den etwas feineren Schalmeien abgelöst, das Pumpen ging wieder los, war zur Gewohnheit geworden.

 

Ich entfiel den Armen des Himmels in einen weiten ruhigen See, in das ich platschte, in wohlig warmes Wasser, das in der Ferne mit den Wolken verschmolz.

 

Was für ein Friede, was für ein Glücksgefühl beflügelte mein Herz.

Doch dann wurde es gestört von einem tiefen Grollen, wie von Wachhunden geweckt.

 

Doch da waren noch andere Klänge: wehmütige, von einem Walfisch vielleicht. Langgezogene, den hohen ganz nah, irgendwie. So, als würden sie vorbeiziehen und wiederkommen, als wäre das Karussell aus einer anderen Dimension. 

Berührung

Ich konnte mein Herz hören, wie es ruhig schlug und in kleinen Schüben das Blut durch den Körper trieb.

 

Woher nur kam dieser Lärm? Waren das nicht Glasharfenklänge? Wurde getanzt? Klirrendes Geschirr und Gelächter, vom Hall verzerrt. Wie es ausgelassen und fröhlich daherkam. Ob ich das träumte? Oder doch nicht? Ich war in einem tiefen Schlaf? Das Geräusch aber, das kam von nebenan. Ich konnte nicht sehen, woher es kam. Das war in Ordnung. Es war in Ordnung dass ich das nicht sehen konnte. Es ärgerte mich auch nicht und ich versuchte, gesprochene Worte zu verstehen, aber das ging nicht. Ich konnte keine gesprochenen Worte verstehen. Sie mussten von Menschen kommen, aber ich konnte sie nicht sehen, nicht verstehen.

Dann packte mich etwas am Oberarm, packte mich fest, als wollte es mich, es mich wegziehen. Wollte mich aus den Träumen reissen. Das Pumpen ging wieder los. Hämmerte in harten Schlägen. Jemand flüsterte mir etwas ins Ohr. Aber da war niemand. Ich war alleine. Das heisst, ich wusste, dass ich alleine war, ich wusste es und es störte mich nicht.

Ein kühler Hauch zog über mein Gesicht, streichelte sanft die Haut und tänzelte im Kreise in kleinen Wirbeln, dass es leise wimmerte, auf und ab, das Es in meinem Traum.

Dämmerlicht floss von draussen über einen gewellten Vorhang in den Schlag, unten durch und von der Seite. Manchmal verdunkelte es sich ein wenig im Zusammenhang mit Schritten, die vorübergingen und als dunkle Flecken über das glatte Linoleum huschten.

Etwas ist auf den Boden gefallen, hat geklirrt - wurde gelacht? Wird da etwas gefeiert?

 

Bald würde es wieder los gehen, das Pumpen an meinem Arm. Die Glasharfenklänge klangen, als entsprängen sie einer Drehorgel. 

 

Blinkende Geräte harrten wie Schwebefliegen über meinem Kopf. Bildschirme, die das Dämmerlicht illuminierten. Vertraut war alles geworden. Hatte sich ein Nest gebaut, in mein Bewusstsein, sozusagen.

 

Und dann ging die Luft in Schüben wieder in den Pneu, bis es scheinbar ins Leere pumpte, kurz innehielt und wieder ging, wie erzwungenes, schweres Atmen, bis sein Rauschen im Lärmen des ausgelassenen Festes erstickte: Dem hohen Klingen des Geschirrs, des Bestecks, der Tanzmusik und so Sachen.

Bis dann alles wieder verschwand, in einem traumlosen Schlaf.

 Im Korridor

Ich weiss nicht mehr, wie lange ich da lag, zwischen Schlafen und Wachen -  Ist jetzt Tag oder Nacht? 

Ich weiss aber, dass sie den Raum betraten und mit mir wieder gingen.

 

Diskret - zwei Personen, die keine Rolle spielen, nie eine gespielt haben.

 

Haben sich die Zeiten wieder gefunden? Ist das Gestern „Jetzt“ geworden? Oder denke ich das „Jetzt“ über „Gestern“?

 

Es wurde still, totenstill, wenn das Rollen des leise surrenden Bettgestells nicht wäre, die klebrigen Tritte der Personen, die keine Rolle spielen, ausser, dass sie mich gerade Kopf voran über den glatten Boden schieben.

 

Oder ihr Atmen, das nicht vom Sprechen kommt und das Schütteln des Körpers - der Räder wegen. 

 

Die Wand gleitet neapelgelb an uns vorbei, gelegentlich tauchen schwarz umrahmte, hellgrüne Türen auf, bis plötzlich eine vollends geöffnete Tür erscheint.

 

Ein farbloser Hügel liegt da, im Gegenlicht vor einem milchigen Fenster, in dem das verschwommene, vom Winde bewegte Geäst eines Baumes  in sanftem Grün irrlichtert.

 

Kam von da das Lärmen des Festes?

 

Der Hügel ist ein Mensch, der reglos auf einem stählernen Tisch liegt. Darüber gähnt wie ein totes Wappentier ein Bildschirm mit einer waagrecht verlaufenden, grünen, zittrigen Linie.

 

Am Boden liegen Fusspedale, die mit transparenten Folien bedeckt und über Kabel mit Geräten verbunden sind. Gelenkige Arme ragen aus der Decke: einer hält ein konkaves Gebilde mit vielen kleinen Waben aus Glas, die glänzen wie kleine, funkelnde Punkte; ein anderer hält einen schwarzen Monitor, ein weiterer einen Schaltkasten mit Leuchtdioden und Schaltknöpfen. 

 

Ständer, auf denen Kästen montiert sind, woraus Kabel lugen, die in anderen Kästen oder in der Wand verschwinden. Aus einigen kommen gerippte Schläuche, die unter dem Fleischkörper oder in den Kästen verschwinden. Auf dem Boden liegt das Ende eines Schlauches mit einer dunklen, gähnenden Öffnung.

 

Auf einer Ablage, die wie ein Servierbrett über dem Körper schwebt, liegen sorgsam geordnete, metallglänzende Instrumente.

 

Friede entströmt dem schimmernden Geäst des Baumes im Milchglas, das den Raum in ein weiches Licht taucht und die Dinge schweben lässt. 

Plötzlich wird der Blick mit der Senkrechten des Türrahmens wieder geschlossen und die mit beige getünchte Mauer rauscht vorbei.

Leise rauschen die Rollen über den Boden und wild schlägt das Herz.

Über eine kleine Schwelle am Boden fallen die kleinen Räder des Bettes. Es wird etwas heller. Geschlossene Türen ziehen vorbei. An der Decke hängen quadratische Deckenplatten, darunter langgezogene Leuchten aus Neonröhren. Das Bild des toten Körpers schwebt mir noch immer durch den Geist - und das Fest, das keines war. 

 

Die beiden Pfleger wischen mit ihren weichen Schuhen über den glänzen Boden. Niemanden sonst, ausser jenen die mich schieben und nicht sprechen.

 

Ich kann nicht sehen, wie wir auf eine hellblau lackierte Flügeltür zu rollen, die uns am Ende des Ganges den Weg versperrt.

 

Nur die Deckenleuchten ziehen über meinen Kopf und verschwinden wie Signalstreifen hinter meinen Füssen in der Weite des Ganges, bis zwischen zwei Leuchten ein kleines, schwarzes Kästchen erscheint, ein rotes Lämpchen aufblinkt und ein hochtouriger Elektromotor zu surren beginnt, worauf das Bett abgebremst und dann wieder beschleunigt wird und seitlich die noch nicht vollständig geöffneten Türflügel auftauchen, die sich später, nachdem sie hinter dem Fussende verschwunden sind, vom wieder aufflammenden Surren begleitet, wieder schliessen, um gleich wieder zu verstummen, worauf das Bettgestell abrupt gebremst wird, mitten im Gang zum Stehen kommt und ich angewiesen werde, mich zu erheben – einfach so.

 

Ich strecke mich, werfe die Decke zur Seite und drehe mich zur Bettkante, setze mich auf und lasse die nackten Füsse auf den kühlen Boden sinken bis ich das Feste der Erde an meinen Füssen spüre, beuge mich leicht nach vorne und hebe etwas unbeholfen meinen Körper in die Höhe.

 

Eine zweite, geflügelte, silbergrau glänzende Tür versperrt mir den Weg und spiegelt frech den diffusen Lichtfleck der Neonlampen. 

 

Und wieder startet ein kleiner Motor mit seinem Surren und Flügeltüren beginnen sich zu öffnen. Sofort strömt ein gleissendes Licht aus dem sich öffnenden Spalt, erfasst meinen Körper und flutet den Gang. 

Es will mich von den Beinen zu reissen, durchdringt meinen Körper, der sich der Schwerkraft der Erde entzieht.

 

Angezogen, durch eine dem Geiste entschlüpfte Leichtigkeit und eine unbändige Lust, mich mit der Welt zu vereinen, schwebe ich in die Höhe. Das Licht blendet, blendet, blendet, und ich finde mich wieder auf einer Schaukel sitzend, einer Schaukel, so lang, dass ich das Ende der Schlaufe nicht sehen kann, und kein hoch und runter sondern nur ein vor und zurück spüren kann, ein vor und zurück, ein langgezogenes hin und her, schwebend durch Wolken hindurch, hinein in das Gewölk und wieder zurück.

 

Durch lichte Stellen bricht das Licht des Mondes und streift meine Haut. Ich fühle mich wie ein Engel, ein Engel der auf einer Schaukel fliegt, fühle ich, fühle ich mich, dass ich nicht weiss, ob das Ich es weiss oder es ist, was es sei, ob das Ich in mir versucht, etwas schneller zu schaukeln, ich lege mich noch flacher in die Schaukel, so, dass ich die Füsse hoch über mir sehen kann, und knicke sie wieder nach unten, und sobald die Schaukel den Scheitelpunkt erreicht hat, unter der Schaukel nach hinten und drücke die Brust wieder nach vorne und fliege rücklings ins Unbekannte.

 

Der Weg durch das Gewölk wird immer länger, mal quere ich kleine Schächte voller Licht und verschwinde wieder im Nebel, tauche ein in einen neuen Strahl und schaue nach unten. Manchmal kann ich etwas von der Erde sehen wie im Flug, kann die Erde sehen, wie ein Vogel. Und sehe den kleinen Schatten, der mir folgt, dann muss ich wieder in die Höhe schauen. 

Ist das nicht der Mond, der mich blendet?

Wie es aus ihm funkelt!

Dieses schillernde Licht, das wie ein gewaltiger Wirbel lauter Sardinen um sie flirrt?

 

Ein kühler Wind streut mir Frische ins Gesicht, das seine Poren öffnet, um den Wind zu empfangen, seine Feuchtigkeit und achtet gierig auf alle Zeichen, welche dem Leben entspringen, dem Geruch des Windes, des feuchten Felsens, des Winters mit dem Schnee.   

 

Ich fühle einen harten Panzer von meinem Körper brechen, stehe am Hang eines Berges und sehe hinunter auf ein verschlafenes Dorf in einem Tal, das noch im Schatten liegt.

 

Die Sonne bricht gerade über den Berg hoch oben. 

 

Mit dem Licht kommen die Schatten.

In den Schatten des Berges treffen Sonnenstrahlen

 

Auf der Talsohle kommen die ersten Häuser, geben den Schatten eine Kontur und lassen kantige Schatten wachsen. 

 

Ich renne ihnen hinterher wie ein kleiner Junge, schreite das Dorf in den Boden, folge dem Schatten um die Häuser herum, den Kanten der Dächer entlang, suche am Dorfplatz einen neuen Anfang, der Schatten geht immer schneller, durchschreit frech eine Kirchenspitze, ich  verzettele mich beinahe im Geäst einer Kastanie, lande plötzlich auf einer Strasse, suche auf der anderen Seite den Anschluss des Schattens und renne weiter bis ans Ende des Dorfes, dann über eine steinerne Brücke bis alles erleuchtet ist und das Sonnenlicht in stetig wachsendem Tempo den Berg hinauf schießt, bis das ganze Tal leuchtet und ich am Fusse schon aufgeben muss, weil die Kräfte nicht reichen, ich nicht mehr weiter komme und ausser Atem auf den Boden falle, in das noch feuchte Gras der Nacht und den steilen Berg hinaufschaue bis in den Himmel und zurück in das noch feuchte Gras, in denen die Tautropfen der Wiese als kleine bunte Punkte leuchten, in denen sich das Sonnenlicht in allen Farben bricht und mitten in der Wiese einen kleinen Regenbogen bilden, deren aufleuchtende Tautropfen mich anfunkelten wie das Augenzwinkern der Erde, das mir etwas ganz Grosses sagen will .

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