Dem Regenbogen ein Denkmal

von Sebastian Schwarzenberger  (1999)

 

 

Die Quadratur des Kreises ist eine unlösbare Aufgabe. Doch erscheint sie als reine Formsache, wenn man sich die authentische Bannung des Augenblicks zum Ziel gesetzt hat. Beide Versuche sind zum Scheitern verurteilt. Und dennoch unternehmen Künstler immer wieder Anläufe in dieser Richtung. Das Ziel muss in diesem Zusammenhang ganz bewusst aus dem Blick geraten. Faszinierend sind vielmehr die Wege, die beschritten werden. Und die Entdeckungen, die beim Versuch des großen Wurfs quasi als Nebenprodukt abfallen. 

 

Ähnlich lässt sich Andre Willis bisheriger Werdegang charakterisieren. Andre Willi versucht den großen Wurf. Er versucht immer wieder, Licht in die „Dunkelheit des gelebten Augenblicks“ (Ernst Bloch) zu bringen. Er möchte die Gegenwart von ihrem Schicksal lösen, stets zwischen Vergangenheit und Zukunft erdrückt zu werden. Er unternimmt den Versuch, dem Jetzt ein Gesicht zu geben.

Und natürlich scheitert er. Er scheitert, weil er Dinge versucht, die unmöglich sind. Weil er Situationen anstrebt, die unerträglich sind. Und das Scheitern ist sein Glück. Denn wiederholt war er dem Ziel so nahe, dass ihn nur der physische Schmerz am letzten Schritt hindern konnte. Wenn er jedoch auch noch diesen Schritt vollzogen hätte, dann wäre das einer Selbstzerstörung gleichgekommen.

 

Der Künstler selbst beschreibt seine Arbeit als eine Suche nach dem Gleichgewicht zwischen Gegensätzen. Dem Gleichgewicht zwischen Liebe und Hass, Sonne und Regen, Licht und Finsternis, Himmel und Erde, Göttlichem und Irdischem, Materie und Geist. Dem „Mittel zwischen all den guten und bösen Dingen, die mich beschäftigen“. Meist geht er von Eindrücken und Erlebnissen aus. Von Wilhelm Buschs Konferenz der Tiere beispielsweise. Aber auch der Rausch, die „Melodie, die so schön sein soll, dass man sie nicht mehr hören kann“ aus der nordischen Sagenwelt und – vor allem – der Regenbogen, sind für ihn wiederholt Ausgangspunkte seiner Arbeiten. 

Sein Traum ist, „den Regenbogen zum Tanzen zu bringen“. Der Regenbogen ist ihm Vermittler zwischen der dinglichen und der abstrakten Welt, „Symbol des Gleichgewichts – des Verbindens von Gegensätzen“. Willis Regenbogeninstallation möchte verzaubern, Grausamkeit und Schönheit verbinden und erträglich machen. Er möchte das Wahrnehmungsempfinden schärfen und die Menschen mit derartigen Erlebnissen zusammenbringen.

 

Das ist das Ziel seiner Suche. Doch was er offen legt, ist die Spannung. Die Spannung, die aus der Unvereinbarkeit der Gegensätze entsteht. Akustisch in der Kirche, wo der Gesang der Amsel für ihn unerträglich wird. Gefühlsmäßig in dem Wasserturm, wo er die Spannung nicht aushält. Er setzt sich den starrenden Blicken der Menschen im Schaufenster aus. Malt Portraits, konzentriert auf die Augen, bis ihm der Kontakt zum Gegenüber zu intensiv wird. Und er erlebt Geschichten nach. Nicht aus dem Handgelenk, aus dem Körper heraus entstehen diese Bilder. Sie sind Seismographien eines Augenblicks, eines Lichtblicks, einer Begegnung.

 

Zeit und Raum, Musik und Natur, Schrift und Figuren, Erinnerungen und Träume sind Ausgangspunkte von Andre Willis Arbeiten. Er möchte die Zeit aufheben. Und damit beherrschen. Denn: „Erst wer das Strömen der Zeit beherrschte, stand in der Mitte der Zauberei“ (Ernst Bloch).