17. Versuch über "Die Unendliche Brücke"

 

2.Juli, 1999, Berlin Wedding,

Lieber Prinz,

 

wenn ich die Augen schliesse, kann ich Dich genau sehen wie Du da an Deinen Schnüren schwebst mit Deinen immer roten Bäckchen, im roten Waffenrock, dem Schild und dem Schwert, das Du zücken würdest, in der Not.

 

Endlich ist es soweit.

 

Ich fühle mich wohl, so sonntäglich es heute auch sein mag.

 

Vielleicht die Wolken, die vorüberziehen und zwischendurch die sommerliche Wärme der Sonne auf mich schweben lassen, wie das Schirmchen einer Pusteblume, das sich in meinen Haaren verfangen hat. Oder des Rosenstrauches wegen, der kurz davor ist, in heller Aufregung seine Knospen zu öffnen, während sich die Ranke der Winde einen Weg durch den Knöterich sucht.

 

So sitze ich am Tisch, gucke durch das alte Doppelfenster, durch das Grün des Laubes der Winde; am Löwenzahn vorbei, der sich gerade in eine Pusteblume verwandeln will, auf die Knospen des Rosenstrauches und dahinter auf die Bäume der Stadt, über die Stadt hinaus, über die Felder der Niederlausitz bis an die Berge der Alpen in eine andere, kleinere Stadt, wo ich einmal war, wo ich wieder einmal sein werde. 

So oder so, weil ich denke, dass das so sein muss, weil die Gedanken und die Erinnerungen der Menschen sie immer wieder dahin zurücktreibt, wo sie einmal waren, ablegten, da wo sie geboren wurden, wenn sie sich nicht sträubten.

 

Die Sonne ist gerade dabei, den Balkon einzunehmen. So, wie sie das öfters tat und noch tun wird, so oder so. Und je höher die Sonne im Sommer ins Firmament steigt, desto weniger dringt sie in den Balkon hinein.

Ich denke an das Weggehen von meiner Stadt in eine andere; und wie sich die Sicht auf die Verlassene veränderte, und wie ich die Stadt wieder wechselte, und wieder, um eine andere Sicht zu bekommen, und dann die Wohnungen, die Menschen.

Und unwillkürlich habe ich dann angefangen, zwischen den Orten Brücken zu bauen, den Menschen, den Gedanken; in Erinnerungen.

 

 

PROLOG B  

Berlin, 2004

Lieber Prinz,

wie eine Katze schlich er sich heran, heute wie gestern als es noch nicht so ganz klar war. Eigentlich wusste ich genau, dass er kommt, denn ich habe von ihm geträumt, letzte Nacht, schweissgebadet wollte ich mich im Bett aufrichten, habe zu schreien versucht, aber es hat nicht geklappt. Unter der Tür war etwas dunkles, rundes, etwas igelförmiges, fleischiges, etwas dunkles, böses, wie ein schwarzes Loch, das ins Zimmer wollte, oder wartete. Ich habe ihn hinter der Tür geahnt, konnte gar seinen Atem fühlen, den wilden, heissen, leisen, durch den kleinen Türspalt drängenden, konnte gar seine Wärme fühlen, sanft, mit Liebe durchtränkt, komischerweise, ihn ahnen, besser gesagt, obschon er sehr weit weg war, zwei Meter schätze ich sehr ungenau. Ich wusste genau, dass er auf einen Fehler wartet, meinerseits und so tat ich, als würde ich ihn nicht bemerken, vielleicht hat es einen Klacks gemacht, während sich die Tür in der Angel in Bewegung setzte, während sich das Eisen aus seiner Erstarrung löste und einen Millimeter verrückte, womit er sich hätte verraten müssen.

 

Ich stellte mich schlafend und schloss die Augen. Das wurde schliesslich auch von mir erwartet. Ich tue heute manchmal noch so, seltener zwar, wenn etwas auf mich zukommt, dummerweise, als würde ich es nicht sehen, die Gefahr, also stellte ich mich schlafend und schloss die Augen. Ich musste so harren bleiben, darf mich nicht rühren. Ich wusste genau, dass er unbarmherzig zuschlagen würde, wenn es denn so weit wäre, nur nicht wie. Warten. Ich kann nicht mit aller Sicherheit sagen, wie lange er sich schon unter der Tür befand, oder wie lange es gedauert hat. Meine Bewegung begann sehr sachte und bestimmt, da hat nichts klacks gemacht als der Arm anfing, sich zu bewegen, das verbotene tat und die Hand an die Seite des Bettgestells führte, woran das Werbe-Bildchen klebte, eines von vielen, die ich in Geschäften erbettelt hatte, die überall hingeklebt wurden, wo es ging. „Abziehbiudli“ nannten wir sie, weil man eine Schutzfolie abziehen musste, um den Klebefilm freizugeben. Meistens war ein Signet darauf gedruckt, ein Signet oder sonst ein Symbol, welche damals beim hineinversetzen in deren Formen und Farben beinah heimelige Gefühle heraufbeschworen...

 

Das Klebebildchen schrie nach meinen Händen, an deren Fingerspitzen geduldig die noch zarten Fingernägel ihrer Aufgabe harrten und nun unaufhaltsam auf dieses Klebebild losgingen. Die Luft war zum Zerreissen gespannt, als endlich der Fehler begonnen wurde, auf den er so lange gewartet hatte und die Feder riss. Die Spannung aber, blieb in der Ruhe stehen, bis zu jenem Moment, wo die Fingernägelchen den Rand des Klebebildes erreichten und vorsichtig unter den Rand griffen, um es loszulösen. Dann explodierte es, noch bevor der Kleber seine Fäden ziehen konnte um das Loslösen zu verhindern, die Spannung in der Luft, wie eine Erlösung, ausgegangen von dem geheimnisvollen Befehlsgeber, der meine Hände beherrschte, ich Unschuldslamm, der einfach nicht schlafen wollte, konnte, oder so...

Er brauchte nicht mehr zum Sprung anzusetzen, denn in dem harrte es die ganze Zeit schon. Es war der Sprung meinerseits, der in seine Krallen führte. Als hätte er mich mit offenen Armen empfangen, mich in seine Arme geschlossen, zärtlich seine Liebe empfangend, besiegelt durch die Blicke, die sich trafen, und, um sich unwiderruflich in mein Herz zu brennen und den Irrtum der Gefühle zu besiegeln. 

Ich erstarrte. Und das Blut, was auf den Teppich tröpfelte, war ein Problem, aber nicht meines, noch, denke ich jetzt, wo ich mich zu erinnern versuche, weil nichts vergessen werden will. 

Und wie ich mich im feuchten Keramik Waschbecken  zu spiegeln versuchte, erinnere ich mich noch, wie ich mir in die Augen schaute, bevor der Schleier leuchtenden Blutes den Blick auf mich verwehrte, was sowieso in der hohlspiegeligen Form des Beckens eine unverständliche Suppe gewesen wäre, denke ich jetzt.

 

 

DIE UNENDLICHE BRÜCKE 

 

Mein Koffer wechselt die Hand, dachte ich oder wechsle ich selbst den Koffer von der einen Hand zur anderen? Oder doch: der Koffer macht, was er will.

Vielleicht langweilt sich der Koffer, immer am gleichen Arm zu hängen. 

Vielleicht schmerzt es den Koffer, bei jedem Tritt einen Schlag vom Knie abzubekommen. 

Also wechselte der Koffer andauernd die Hand, wechselte ungefragt die Seite, mit der er an mein Knie schlug. Schweissperlen lösten sich von meiner Stirn, fielen auf die Gehsteinplatten der Brücke, wenn sie nicht schon von den schweissblutenden Kleidern eingefangen wurden.

Die Gehsteinplatten kamen träge daher. In ruckartigen Stössen erreichten sie die aufgeweichten Schuhsolen, welche ergeben die Gehsteinplatten kommen liessen, sie unbeachtend, ja verachtend zurückliessen.

 

Ich dachte an die Einfahrt des Zuges in den Hauptbahnhof. An die Bahnhofshalle, die mich verschlucken wollte, wie ich Vergleiche gezogen hatte mit vergangenen Malen, wie sie sich sanft über mich gestülpt hatte, denke ich jetzt. 

Und wie ich sie schweren Mutes verlassen musste um die Hauptstrasse entlang zu eilen, auf die Brücke zu, über den Fluss nach Hause, wo der Briefkasten wartet.

Das Wasser des Flusses war nicht zu hören. Es war zu tief, zudem war da der Feierabendverkehr, jener vom Freitag, jener, der diese euphorische Hektik der Nach-Hause-Gehenden verursacht. 

 

Der Fluss ging schnell, das Wasser wie rosa gefärbtes, flüssiges Glas.

Darüber die Brücke, der Feierabendverkehr und ich.

Möge die Brücke das Ufer möglichst schnell wechseln.

Die Brücke war lang. 

Die verschieden lang zugehauenen, immer gleich breite Gehsteinplatten waren glatt geworden durch die vielen Schuhsolen, welche einen ähnlichen Weg gingen, wie ich, oder einen anderen, aber wie in diesem Moment immer das gleiche Ziel verfolgten, nämlich das andere Ufer zu erreichen, die andere Seite des Flusses zu erreichen, welches zu erreichen, jedwede Bestimmung abverlangt, oder der Ziellosigkeit eines Unbestimmten, Unentschlossenen, ihm wenigstens ein vorübergehendes Ziel  zuzusichern, wenn sie denn (be-)wüssten, dass sie auf einer Brücke sind.

Ich hatte meine Ziele in Etappen eingeteilt, um schneller ans Ziel zu kommen.

So schlitterten meine Gedanken von der Vergangenheit in die Zukunft, in allerfernster sogar auf den Moment, wo die Brücke abgetragen sein müsste. 

Die Gewissheit aber, dass die Menschen alles tun würden um das zu verhindern, müsste mich beruhigt haben, denke ich jetzt. 

Aber die Schuhsolen waren nicht weich genug, um mich zu verschlucken, stattdessen musste ich die Platten bezwingen als würden die das von mir erwarten, in ihrer Gierigkeit nach dem Duft weicher Schuhsolen, dem Duft ferner Strassen.

 

Mir schien, als verwandle sich der Zug, dem ich vor kurzem entstiegen war in eine Autoschlange, die sich durch einen rotgoldenen Tunnel zieht, einem Schleier aus feinem Smog.

An mir vorbei, der ich auf den Gehsteinplatten gehe. 

Der Schweiss auf meiner Stirn vermischte sich mit dem sauren Geruch der Autos, welche wichtige Ziele zu suchen schienen, oder unwichtige, oder solche, die ihre Ueberwichtigkeit mit einer Sirene bekundeten.

 

 

Die Brücke schien fest genug gebaut. 

 

Wie ein Zug mit seinen Rädern über seine Gleise rollt, schritt ich die einzelnen Platten ab. Auf zwei Plattenreihen, eine zur Linken und eine zur Rechten meiner einachsigen Fussreihe.

Bloss das Rattern darf nicht sein, denke ich.

Mit aller Kraft versuchte ich, nicht in die Spalten zu stehen, welche die Platten trennen.

Der Spalt zwischen den Platten darf nicht betreten werden, niemals. 

Ich dachte an das bevorstehende Öffnen des Briefkastens, welches jede Woche zur gleichen Zeit die gleichen Kopfschmerzen verursacht hatte, wie sich erst Wochen später herausgestellt haben wird. 

Das Ziel schien sich zu entfernen, obschon ich ihm entgegenschritt.

 

 

Bern, Muschelkalk, 1988

 

 

Lieber Prinz,

 

letzte Nacht hatte ich einen Leichenbestatter kennengelernt, wie ich auf dem Nachhauseweg durch die grosse Bahnhofhalle ging.

 

Da, wo Tags Menschen hin und her strömen, wo mitten drin diese festgeschraubten Plastiksitze sind, waren, weil es sie heute nicht mehr gibt. Plastiksitze die stoisch wie Steine in einem kleinen Flüsschen die Strömung teilten, da, wo tags meist Leute sassen, meist dieselben, die sich im Treiben des Stromes verloren, Und da sass er, mit bleichgelbem, übernächtigtem Gesicht, Da habe ich mich dazugesetzt, und die Einsamkeit geteilt...

 

Schritte

Hinter mir ging jemand. 

 

Schnell blickte ich zurück.

 

Ich glaubte, meinen Onkel wiedererkannt zu haben.

Im Dunst seines Gesichtes sah ich das nasse, saftige Grün einer Wiese, ein Haus, eine Veranda, ein Tisch ein Stuhl. Vielleicht war da gar keine Veranda, denn der viel zu hohe Tisch schien ganz alleine auf dieser Wiese zu sein. Ich war ein kleiner Junge noch.  Mir war, als hätte es da geregnet, auf jedenfalls war da dieser Tisch, und auf diesem Tisch lagen selbstentworfene Pläne, die mir gezeigt wurden. Elektronische Schaltungen sollten telefonische Daten komprimieren, damit sie durch einen einzelnen Datenüberträgerdraht geschickt werden könnten. 

In seiner Vereinfachungslist sollten die Informationen über einen einzigen Draht aus edelstem Kupfer einem Drucker zugeführt werden, welcher den Beweis des Gelingens zu erbringen hatte, und Übersicht, Kontrolle und was sich sonst noch für Vorteile daraus ergeben könnten.

 

Der Dunst seines Gesichtes schien wie die Seele eines Verstorbenen in den Himmel zu schweben. Wuchs zu einer Wolke heran, die immer schwerer wurde, sich zu einem Ballon aufblähte, durch das spitze 

 

Trommeln jener Kopfschmerzschläge zersplitterte, welche ihre weichen Impulse aus dem Herzen abbekamen und mich wieder zurückführten in des Onkels Vereinfachungswahnsinns.

 

Er schreitet gerade hinter mir her, verbindet die Steinplatten mit edlen Kupferdrähten. Stromstösse. Hoffentlich steht er nicht in eine Spalte und beschleunigt das Sterben der Brücke. 

 

 

Wie im Traum entglitt mir die Wirklichkeit. Und da war für einen kleinen Moment diese kleine Unebenheit unter meinen Füssen, die nichts gutes heissen kann, wieder verschwand, wie der Fuss in den nächsten Tritt übergehen will. Ich bin in den Spalt getreten hallte es in meinem Kopf die Analyse. Sofort hatte ich eine Korrektur vorgenommen um wieder in den treibenden Gang zu kommen, den geordneten Gang einzunehmen, immer in der Mitte der Platten aufzutreten, um die Belastbarkeit auszugleichen, das Sterben der Brücke zu verzögern.

 

 

Wieso nur bin ich nicht an den Fluss hinuntergegangen? Um das Rauschen des Wassers aufzunehmen? Dem Rauschen des Wassers zu lauschen? Einen anderen Weg gegangen? Nein, der Briefkasten muss überfüllt sein mit Rechnungen, Reklameblättern, Briefen und anderen Wichtigkeiten und einem speziellen Brief.

 

Ich dachte die ganze Zeit an diesen einen Brief, versuchte mir vorzustellen, was in ihm stehen könnte.

Wie eine Wolke blähte er sich auf, der ganze Brief mit seinem Inhalt, wie jene Wolke, die ich einmal am Meer sah, die aus dem Nichts zu kommen schien, aus dem Dunst des Meeresspiegels wuchs und später alles umschlang, vernebelte, auch da, wo ich war, am sicheren Ufer.

 

Aus der Wolke wurden Blasen, wie Seifenblasen, die in allen Farben zu leuchten begannen und jedes Aufheulen eines Automotors brachte einen dieser Blasen zum Platzen, im Takt des immer schneller werdenden Herzens, die geplatzten Blasen den feinen Wasserstaub in mein Gesicht stieben.

 

 

Nur nicht schneller werden, dachte ich, nichts anmerken lassen, nicht zurückblicken, mich zu vergewissern. 

 

Lieber Prinz, 

 

Erinnerst Du Dich noch, wie wir uns am Radiator kennenlernten? In der Küche, als ich noch ganz klein war, da, wo ich mich einmal nachts schlafwandelnd auf dem Stuhl davor an die Wärme setze? 

 

Du sassest oben auf dem gusseisernen Radiator und Deine mit Messing beschlagenen Beine baumelten leise vor sich hin. Und hast mich zärtlich bewacht...

 

Erinnerst Du Dich noch an die Gesänge der Amseln, die jeden Morgen die Schallwellen zum Flimmern brachten und dieses zerbrechliche Spiel in den Tag hinein sangen?

 

 

Nein, das kann er gar nicht sein, denn sein Schritt ist hart, muss von einer harten Sohle herrühren. Seine Schuhe waren immer sportlicher Ausführung, glaube ich mich zu erinnern. Gekauft in einem Supermarkt, von seiner Frau.

Der Gang hinter mir schien spitz und elegant.

 

Soll ich mich umdrehen, ihn ansprechen? ...wieder in eine Steinplattenspalte gestanden. In jener hatte sich ein Zigarettenstummel verfangen. Ich will ihn mit der Schuhspitze wegstossen, im Gehen sozusagen, die Spalten gehören niemandem, da hat niemand und nichts was zu suchen.

 

Nur knapp erwischte ich die nächste Gehsteinplatte...

 

Unten am Fluss liessen sich einige von der Strömung abwärts treiben.

Ein Hund sprang ins Wasser, weil sein Herr einen Stock ins Wasser geworfen hatte.

Der Herr hatte einfach einen Stock, welcher auf dem Weg gelegen hatte, ins Wasser geworfen und der Hund ist hinten nachgehechtet.

 

Am anderen Ufer stachen einige Pontoniere gegen die Strömung. Und der Hund hatte nur den morschen Ast im Kopf, weil der Herr ihm das in vielen Stunden beigebracht hatte. Er hatte den Ast nicht erwischt, die Strömung war zu schnell. Genugtuung entflammte mir, weil der Hund den Befehl des Herrn nicht zu seiner vollen Zufriedenheit ausgeführt hatte. 

 

Die Ablenkung hatte gut getan, dachte ich, aber die Schritte meines Verfolgers waren noch immer da, staken in die Steinplatten und stachen mein Herz. 

 

Meine Herzschläge vereinigten sich mit seinen Schritten, als würden hundert Uhren gleichzeitig ticken, mit kleinsten Impulsunterschieden, so dass in unwahrscheinlichen Abständen das Ticken der Uhren sich treffen könnte, was niemals passieren darf.

 

Wie ein skurriles Konzert, in das ich nicht hineingehen wollte, für das ich keinen Eintritt bezahlt hatte, um dessen Vorstellung ich niemals bat, das mir aufs Grässlichste auferzwungen wurde, das mir niemand auferlegt hatte, nicht die Architekten, nicht die Autofahrer, dachte ich, und doch glaubte ich eine Rolle übernommen zu haben, ja ich tappte im Scheinwerferlicht einer Bühne, und aus allen Seiten haben sie gespielt,  und ich hatte meinen Beitrag abzugeben, man konnte ganz genau hören, dass da eine Stimme gefehlt hatte, meine Stimme, sozusagen, und alle haben sie auf meinen Einsatz gewartet, aber der kam nicht, ich wollte ihn in die Welt hinausschreien, wollte wissen, ob sie mich verstehen konnten, aber die Kehle war ausgetrocknet und ich brachte keinen laut von mir.

 

Wessen Konzert, fragte ich mich, mein Konzert kann das unmöglich sein. Auf dieser Bühne will ich nicht sein. Diese Bühne hat sich von selbst unter meine Füsse geschoben. 

 

Runter muss ich.

 

Letzte Woche war keine Post im Briefkasten, keine Nennenswerte, glaube ich.

 

Mir schien, als würde die Brücke immer steiler eine Anhöhung nehmen. 

Mir war als hätte es da plötzlich geknallt, als hätte das Zahnrad einer Bergbahn in den Anfang der Zahnstange zwischen den Schienen gegriffen, (jenen ersten Zahn, der den Rhythmus der folgenden noch nicht gefunden hat), um sie hochzutreiben, und geduldig jeden einzelnen Zahn in den nächsten übergreifen zu lassen, sie weiterzutreiben und die Zahnstange unter dem Fahrgestell stetig nach hinten wegzustossen. 

 

So schienen die Steinplatten unter mir wegzuwandern, wenn sie denn gleichmässig lang gewesen wären. 

 

Runter muss ich.

 

Letzte Woche war keine Post im Briefkasten, keine Nennenswerte, glaube ich.

 

Der Koffer wechselte die Hände, als würde sie ihren Spass daran gefunden haben. 

 

Der Koffer war leer, ausser ein paar Kleinigkeiten, die sich in den Koffer verirrt hatten, jemand in den Koffer gelegt haben müsste.

 

Das Wechseln des Koffers von der einen  Hand zur anderen ging immer schneller vonstatten. 

 

Mein Körper wurde zu einem Karussell.

 

Die Schritte hinter meinem Rücken waren plötzlich verschwunden, und das war mir gar nicht aufgefallen, dass sie verschwunden waren. Nur dass ich sie vermisste, wie sie verschwunden waren, auf einmal; war es mir gar nicht aufgefallen, und das beunruhigte mich, wie ich das nicht bemerkt habe.

 

Langsam schaute ich zurück.

 

Zwischen der Geländemauer und der Autokolonne war nichts.

 

Eine Gasse, ausgelegt mit Gehsteinplatten.

 

Die Brücke wollte nicht enden..

 

Berlin, nasser Herbst, 1995

 

Lieber Prinz,

 

letzte Nacht haben sie auf der Eisenbahn - Brücke geschweisst und ein helles Licht flackerte in die Nacht hinaus.

 

Unter der Brücke war’s ein Schwarzes Loch und ich hatte Angst unten durch zu gehen. Ich bin dann doch gegangen und das Licht war plötzlich verschwunden. 

Ich blinzelte, und die Nacht erhellte sich...

 

 

 

Verwirrt suchte ich die Autokolonne ab, um da Klarheit zu finden, und dann wieder gerade aus, um ein Ziel ausmachen zu können, ein Ende greifbar zu machen. 

Aber in der Ferne flackerte bloss ein rötlicher Schleier und da, wo der Horizont sein sollte, verlor sich die Strasse im Dunst, schien gar keine Strasse mehr zu sein, sondern lediglich die Brückenmauer und die Autoschlange, die - sich zu einem Schwanz verjüngend - von der Fahrbahn wie ein flauschiger, rosafarbiger Zottel in die Höhe gerissen wurde.

 

In der Spätnachmittagssonne versuchte ich die Gesichter der Fahrer auszumachen, versuchte ich, durch die spiegelnden Autofenster die Fahrergesichter zu erkennen, um den Fahrergesichtern etwas von dem abzugewinnen, was sie so selbstsicher erscheinen liess: einen Ellbogen aus dem Fahrerfenster gelegt, die Ärmel zurückgekrempelt, aber man trägt doch keine Uhr am Ellbogen. Eine Spiegelsonnenbrille sass auf seiner Nase und eine bestimmte Musik schien aus dem Fenster zu schwappen. 

Wieso habe ich denn meine Uhr nicht dabei, dachte ich: An meinem entblössten Handgelenk war bloss das weisse Band zu erkennen, da wo sie Sonne während der letzten Monate die Haut nicht bräunen konnte, wo sich kleine Bläschen gebildet hatten, um die Unsympathie des ledernen 

 

 

Uhrenbandes kundzutun. Und der Juckreiz hatte mich dazu bewogen, es nicht mehr umzuschnallen, ausgerechnet an diesem Tag hatte ich die Uhr nicht umgeschnallt, schliesslich juckte es nicht erst seit gestern, hallten mir die Worte von gestern zu heute im Kopf.

 

Dahinter klebte ein Auto höherer Klasse, der Fahrer blinzelte an mir vorbei, in Richtung der Sonne, nein er schien direkt in die Sonne hineinzustarren, als wollte er mich zwingen, auch in diese Richtung zu gucken. 

Die Kolonne kam leicht ins Stocken und es hatte keinen Auffahrunfall gegeben. 

Dass die Autokolonne nun ins Stocken geriet,... Dahinter kam die Strassenbahn, so dass ich meine Schritte verlangsamen musste, um auf die gleiche  Höhe zu kommen, die Leute sehen zu können.

Die Kolonne kam wieder in Fahrt und ich weiss nicht, wieso das passieren konnte, dass die Kolonne ins Stocken geriet.

 

 

 

Berlin, Frühling, 1997

Lieber Prinz,

letzte Woche hatte ich am Kanal eine Art Löwenzahn gefunden, eine Art Riesenlöwenzahn. Das heisst, die eigentliche Blüte war ganz klein. Und schien in einer Krone aus spitzen, langen Knospenblättern zu versinken. Grüne, lange Knospenblätter, die wie eine Krone die Blütenblätter zu einem Kelch formen, aber die Samenblüte, die Pusteblume, wie man im Volksmund sagt, die ist riesig und öffnet sich ganz plötzlich und so schnell, dass sich bei leisestem Wind die einzelnen Sämchen loslösen und davon schweben nach Woanders. (weshalb ich sie nur selten in seiner ganzen Pracht zu Gesicht bekommen habe. )

 

Ja, ich hatte sie also nach Hause getragen, die verblühte Blüte.

 

In dem Moment, wo sie aussieht wie eine Knospe, aber eigentlich schon verblüht ist, was man sieht, weil oben an der Spitze, da wo die Knospenblätter zusammenlaufen, ein kleiner Zottel hängt, ein kleines Bündel von welkem Braun, dem verfärbten Gelb der Blütenblätter.

So hatte ich sie also nach Hause getragen, in diesem Zustand, wo die Pracht der vielen kleinen zusammengefalteten Schirmchen noch geschützt war und ins Wasser gestellt, um zu warten, bis sie sich öffnet...

 

 

 

Wie das glitzernde Pferd eines Karussells ist die Strassenbahn, wie sie langsam an Fahrt genommen hatte, an mir vorbeigerauscht.

Hinter der glitzernden Fahrerkanzel konnte ich ihn sehen, für eine kurze Ewigkeit, konnte ihn sehen, den Fahrer, sein Gesicht starr nach vorne gerichtet, die Sonnenblende wie Scheuklappen von Pferden. Also brauchte er keine Angst vor der Sonne zu haben, etwas anderes vielleicht, dachte ich ... hatten sich meine Gedanken wieder verzettelt, wie die Sonne es doch ist, die uns verwirrt, dachte ich, die Sicht, die aufrechterhalten bleiben soll.

 

Die Strassenbahn war leer, wie ein glitzerndes Pferd an mir vorbeigerauscht und der Anhängerwagen auch war aus der Fassung gebracht worden, war leer.

Er, der Fahrer ist ganz alleine in der Fahrerkanzel gesessen, nun vollends sass alleine da in der scheppernden Strassenbahn davongegangen und das Scheppern verfing sich in dem, was zurückblieb, und das war ein Getrampel, in dem sich eine Menschenmenge befand, noch weit hinter mir her, und die Strassenbahn ging schnell, ...

Alle hat er sie..., dachte ich, beschleunigte mein Tempo, hielt mich fest an dem Teil des Strassenbahnschepperns, das von der Sonnenblende herrührte, die des Fahrers Augen vor der Sonne schützen sollten, jenem Scheppern, welcher das Getrampel von meinem Leibe halten sollte.

 

 

 

Lieber Prinz,

 

Ich erinnere mich an einen Spaziergang in einem kleinen Wald mit meiner Tante, unweit von hier. Ich war noch sehr klein, und im Walde war überall Blut und die Tante hatte mir erzählt, dass es sich um einen grässlichen Mord handeln solle und da war ein Brunnen, dahinter eine kleine Ansteigung und am Brunnenrande hatte sich auch Blut befunden. Und die Blutspuren sind auf diese Anhöhung zugegangen und da ist der Mörder auf mich zugekommen, erst ganz schnell, und dann plötzlich ganz langsam. Er hatte ein Messer in der Hand und hatte in Zeitlupentempo angefangen, die Spitze des Messers auf mein Herz loszulassen, das Messer schien beinahe in der Luft stehenzubleiben, so langsam hatte es sich bewegt, und ganz langsam hatte ich einen Traum bekommen, wie das Messer dann tatsächlich in der Luft stehengeblieben ist und sich mein winziger Körper um die Klingenspitze gelegt hatte, und wir sind dann auf den Bus losgegangen und meine Tante hatte nichts bemerkt und ich konnte diese kalte Spitze in meinem Herzen fühlen und der Bus kam nicht, wollte mich und meine Tante einfach hier am Waldrand stehen lassen...

 

 

 

Die Brücke wollte kein Ende haben.

 

Aus der Ferne das Bellen eines Hundes.

 

Und. Eine Lücke von Minuten, Sekunden oder Stunden, vielleicht, ich weiss es nicht mehr.

 

Schwerelosigkeit vielleicht.

 

Ganz dichter Rosanebel vielleicht, und der Geruch....

 

Ja, der Rosanebel war es wo...

 

Ganz sachte strichen meine Fingerspitzen an der Geländermauer entlang.

 

Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich dahin, wo das Ende der Brücke sein sollte, aber jenes war verschwunden, musste versteckt sein hinter dem Rosasmog, auf den ich rasend zustürmte, mich bald umhüllte und zwang, meine volle Konzentration auf die Steinplatten zu lenken.

Von hinten näherte sich das Trampeln der Menschenmenge, aber ich blickte nicht mehr zurück. Das Scheppern der Sonnenblende hatte sich an meine Schläfe geheftet, und jemand bellte in meinem Kopf ein kurzes Bellen, so kurz, wie das Ticken des Herzens, was platzte.

 

 

 

Berlin, 1998

 

Lieber Prinz,

im Moment fällt es mir schwer, die richtigen Worte zu finden.

Sie fliegen in meinem Zimmer umher, da, wo ich gerade im Bett liege, den Kopf an die kalte Mauer gelehnt, da wo das Telefon auf dem Teppich steht und im Gehäuse noch immer das Echo Deiner Stimme liegt, wenn auch nur schwach, aber noch ganz klar. Du mir zugehört hast. Die Worte wie wild gewordene Wespen im Zimmer umherrasen. Wie eine Vielzahl jener, die es letztens noch bis in den tiefen Winter geschafft hatte und nachts wie eine Kamikaze auf die einzige Lichtquelle, die Glühbirne der Lampe losstürzte, um sich an ihr fürchterlich zu verbrennen.

So verwirrend scheinen mir die schwarzen Worte auf dem weissen Papier, dessen Inhalt nicht mehr das zu sein scheint, was er sein sollte.

 

Wieder einmal ist es spät in der Nacht und ich stelle mir vor, wie Du in Deinem Bett liegst, an deinen kranken Vater denkst, an den bevorstehenden, langen Krankenhausaufenthalt, aber vielleicht bist Du schon längst erschöpft in den befreienden Schlaf gesunken in die Welt der Träume, versunken, vielleicht.

 

 

 

Ich konnte die Gehsteinplatten unter meinen Füssen nicht mehr fühlen. Sie schienen sich festgeklebt zu haben.  

 

Meine Herzschläge vereinigten sich mit den Schritten der Verfolger und die  Gehsteinplatten schenkten meinen Schuhsolen ihre volle Verachtung.

In Hass liebkosend ketteten sie sich an meine Schuhsolen, die sich darin aufzulösen schienen und dem Erbauer der Brücke das Morgen und der Zeit das Gestern stahlen.

 

Mir schien, als würde der unwahrscheinliche Moment auftreten, wo das Ticken der hundert Uhren für einen unwahrscheinlich kleinen Moment aufeinandertrifft.

 

In rasendem Zeitlupentempo...

 

Berlin, Friedrichshain Winter, kein Schnee, 1996 

 

Lieber Prinz, 

 

draussen ist alles grau.

Ich schaue gerade aus Fenster des Altbaus, in dem ich wohne. 

Kannst Du hören das Echo der schreienden Kinder, das sich mit dem pfeifenden Wind vermischt? 

Gerade versucht ein zuklappendes Fenster, den Takt der Zeitlosigkeit zu übertölpeln.

 

Mein Schild, die Schädeldecke führt in Keilformation meine Körperteile in eine Nebelmauer hinein. Eine endlose Leere dringt bis in meine Haarwurzeln. 

Ein Licht von oben wirft in zunehmender Grösse meine Körperumrisse in die Leere hinein.

 

Ich lasse mich vom Winde tragen, lege mich auf das Nebelbett. Und sehe in dem Dunst über dem riesigen Innenhof die Kirche, die eine so starke Aura ausstrahlt, dass sie mir wie eine Feuerwerksrakete erscheint, und die zuklappenden Normfenster das Publikum darstellen, kurz vor dem grossen Beifall, kurz vor dem heftigen Schrei nach Zugabe.

...Etwas Dunkles von Links schnell grösser werdend, da, wo meine Fingerspitzen eben noch entlang strichen, was dunkles, so ewig langsam grösser werdend, wie ein Schiff, das langsam an Land gezogen wird, ich selbst an Land zog, wie mir schien.

 

Die Brücke müsste längst zu Ende sein.

 

Aber das Tau wurde immer dicker. Im letzten Moment bin ich dann auf das Tau gestiegen, was nicht mehr aufhörte, dicker zu werden, wollte auf dem Tau den Fluss überqueren, um mich herum ist es dunkel geworden und meine Schatten zeichneten in der Tiefe des Nebels ein dreidimensionales Gebilde und unten am Fluss trieben tausende unbeantwortete Briefe. Ein Hund trieb mitten in diesen Briefen, hechelnd gegen die Strömung kämpfend; der Fluss schien einem hohen Gebäude zu entspringen und verschwand im Anfang der Brücke, da, wo sein Scheitelpunkt zum Festland sich befindet. Das Tau nahm eine Anhöhung. Der Bug des Schiffes bäumte sich in einem letzten Akt auf und der Schweiss von meiner Stirn bildete auf dem Boden einen See und tief im See spiegelte sich mein Gesicht.

 

Ein Aufheulen, Quietschen von Bremsen. Wie eine Stahl gewordene Wolke bäumte sich das schwarze Gefährt vor mir auf...

 

Der Bug stand still!

 

Eine unendliche Ruhe umgab das dunkle Gefährt, das kurz vor mir zum Stillstand kam.

Der schwarze, dunkle Rumpf stand still, bewegungslos, bin in den Fluss gefallen und der Fluss bildete einen See. Der See war zu Ende, Steinplatten, dachte ich bin weitergegangen, und...

 

Jemand schrie meinen Namen, schrie meinen Namen ein zweites Mal, entstieg dem dunklen Gefährt, der meinen Namen aus dem Wagen geschrien hatte. Soll er sich ein anderes Opfer 

 

holen, dachte ich, schliesslich lebe ich, dachte ich und vor meinen Augen tummelten sich winzige Fischchen, deren Fleisch aus Licht mich blendete, wie Schweissperlen im Sonnenlicht.

 

Er hatte es geschafft, dachte ich, stand still an meiner Seite, ich beachte ihn nicht, habe ich mir eingeredet, soll er sich ein anderes Opfer holen.

Ein kleines Schauern, als mir plötzlich der Schweiss auf meiner Stirn bewusst wird.

 

Der Fahrer kam in überschwänglicher Freude auf mich zu, die Hände ringend, ab diesem Moment, der Fahrer kam auf mich zu, umarmte mich, bevor er mich erreichte, der Wagen schien leer, oder irrte ich mich, und ich fand mich wieder, mitten auf einem Platz, und der war belebt, nein, ich glaube, wir waren alleine und aus allen Richtungen sind sie gekommen und auf der anderen 

Strassenseite kam eine Strassenbahn zum stehen, deren Leute sich zu den anderen gesellten, die um uns zwei und dem dunklen Wagen einen Kreis bildeten.

 

Noch nie hatte ich einen so glücklichen Menschen gesehen. „Was, du bist noch am leben“ hatte er zu mir gesagt. „ich dachte du wärst längst tot“ zu mir gesagt und dieses „Längst“ erklang mir wie ein „Refrain“ und über uns bildete sich ein kleines Zelt von schwüler Altweibersommerhitze, bildete sich ein Zelt von Geborgenheit. Darin erzählte er mir von einem Sargtransport. Er erinnerte sich an eine einsame Nacht, wo wir zusammen in der Bahnhofhalle sassen, und er meinte zu glauben, dass der Vorname der gleiche gewesen sei, den Nachnamen kannte er nicht, und er sei mit “mir“ in einer verschlossenen Holzkiste durch die Hügel gefahren, in einer traurigen Fahrt auf die Hügel zu, wo ich einmal war, wo ich ...das hatte ich ihm erzählt, damals auf den Plastiksitzen, die Kiste verschlossen in einer wortlosen Fahrt.

Und hatte den Abnehmern der Kiste gesagt, dass sie sie vorsichtig in die Erde versenken sollen, und zwei Leben hätte ich, hat er gesagt, er mir 

 

 

geschenkt. Und hinter dem dunklen Wagen bildete sich eine Autoschlange von hupenden Eiligen und Anderen, welche die mimosen Steinplatten belasteten.